Zusammenstellung eines Depots (Teil 2)

Vor zwei Monaten veröffentlichte ich meinen Beitrag „Zusammenstellung eines Depots“. Er war sehr beliebt (der Beitrag mit den drittmeisten Klicks in meinem Blog). In den vergangenen zwei Monaten habe ich mein Stock Picking weiter optimiert. Davon möchte ich euch heute berichten.

Wie landet ein Unternehmen in meinem Depot?

Schritt 1 – Kennenlernen

Natürlich muss ich zunächst in Erfahrung bringen, dass dieses Unternehmen existiert und an der Börse notiert ist.

In den letzten Monaten fiel mir bspw. auf, dass gefühlt jeder zweite Berliner Mann mit einer Jacke von „The North Face“ herumläuft. Vor einem Jahr war mir diese Marke noch unbekannt. Als Investor setze ich mich dann natürlich genauer mit diesem Unternehmen auseinander.

Oft ist es auch so, dass ich über einen Artikel, einen Blog-Beitrag oder Blog-Kommentare auf eine Firma aufmerksam werde, zum Beispiel hier:
https://www.fool.de/
http://www.frei-mit-42.de/category/unternehmensanalysen/
http://www.rente-mit-dividende.de/depot/
http://timschaefermedia.com/

Oder ich durchsuche gezielt einen bestimmten Index wie den S&P 500 oder eine bestimmte Branche darin:
http://index.finanztreff.de/indizes_einzelwerte.htn?i=2303839

Es gibt auch gute Screener, die euch helfen können. Zum Beispiel dieser hier: https://www.consorsbank.de/Wertpapierhandel/Aktien/Klassische-Aktiensuche

Schritt 2 – Die ersten Ausschlusskriterien

Das Unternehmen muss groß genug sein. Pennystocks kommen mir nicht ins Depot! Eine Marktkapitalisierung von 2 Mrd. Euro sollte es schon haben. In absoluten Ausnahmen akzeptiere ich auch weniger, aber dann muss alles andere schon sehr überzeugen. Mein kleinster Wert ist Cancom mit 0.6 Mrd. Euro Marktkapitalisierung.

Zudem kaufe ich nur Industrieländer-Aktien. Ihr müsst wissen, dass ich gerade erst angefangen habe, mein Langfristdepot aufzubauen. Anfangs sollte eine geringe Volatilität im Vordergrund stehen. Chinesische Aktien und die Aktien griechischer Banken sind momentan nicht gerade für ihre geringen Schwankungen bekannt.

Schritt 3 – Die Entwicklung der wichtigsten Kennzahlen

Im nächsten Schritt werfe ich gern einen Blick auf die Entwicklung der Umsätze, Gewinne, Dividenden, Mitarbeiterzahl. Dazu eignet sich diese Seite sehr gut. Schaut beispielhaft auf die stetige Steigerung von Umsätzen, Gewinnen, Dividenden und Mitarbeitern bei Fielmann. Eine echte Buffett-Aktie!
http://www.finanzen.net/bilanz_guv/Fielmann

Außerdem fällt mein Blick auf dieser Seite auf die Eigenkapitalquote, die Gewinnmarge (einfach Gewinn durch Umsatz teilen!) sowie auf die Schätzungen der Analysten zur weiteren Entwicklung (über den Grafiken auf „Schätzungen“ klicken).

Über „Dividende/HV“ reicht die Dividenden-Historie noch weiter zurück als bis 2008.

Aktie

Schritt 4 – Die Entwicklung der Aktie

Ich berechne gern das jährliche geometrische Mittel der Kurssteigerung von Ende 2007 bis Ende 2015. Das Jahr 2008 will ich mit drin haben, weil damals die Börsen weltweit stark eingebrochen sind.

Bleibt bei dem Fielmann-Link. Wenn ihr dort über den Grafiken auf „Historisch“ klickt, könnt ihr euch die Kurse über einen gewählten Zeitraum ansehen.

Der letzte Kurs 2007 war 22.16€. Der letzte Kurs 2015 war 68.18€. [Kurs in Frankfurt]

1 + ( 68.18 – 22.16 ) / 22.16 = 3.07671
Der Kurs hat sich „verdreikommanullachtfacht“. Der betrachtete Zeitraum beträgt 8 Jahre, d.h. ihr müsst die 8. Wurzel ziehen – mit eurem Taschenrechner oder hier:
http://www.derdualstudent.de/wurzelrechner.html
Die 8. Wurzel aus 3.07671 ist rund 1.15 – das jährliche geometrische Mittel der Fielmann-Kurssteigerung von Ende 2007 bis Ende 2015 beträgt also 15%.

Addiert den Dividenden-Mittelwert der letzten Jahre hinzu. So habt ihr nicht nur die Kursteigerung berücksichtigt, sondern auch eure Gewinn-Ausschüttungen.

Schritt 5 – Die Bewertung

Bleibt auf dem Fielmann-Link. Dort könnt ihr den Mittelwert des KGVs von 2010 bis 2015 berechnen über die Auswahl „Bilanz/GuV“ und „Schätzungen“. Die Jahre 2008 und 2009 ziehe ich in meine Betrachtung nicht mit ein. In der schlimmsten Wirtschaftskrise der letzten 60 Jahre waren KGVs meiner Meinung nach wenig aussagekräftig.

Ins Verhältnis setzen könnt ihr diesen Mittelwert nun zum geschätzten KGV für 2016, das ihr ebenfalls auf dieser Seite findet – oder zum aktuellen KGV, das z.B. auf index.finanztreff angegeben ist:
http://index.finanztreff.de/indizes_einzelwerte.htn?i=159090
Dafür müsst ihr wissen, in welchem Index euer Unternehmen gelistet ist. Bei Fielmann ist es der MDAX. Die KGVs in den Indexzusammensetzungen auf index.finanztreff werden häufiger an die aktuelle Kursentwicklung angepasst als auf anderen Seiten.

Vergleicht das KGV nicht nur mit dem eigenen 5-Jahres-Schnitt, sondern auch mit denen der Branche, um Aktien herauszufiltern, die seit Jahren überbewertet sind.

Übrigens: Bei Unternehmen, die Verluste erzielen oder nur ganz geringe Gewinne, sind KGVs wenig aussagekräftig.

Schritt 6 – Der maximale Verlust

Ich rechne gern aus, wie hoch der maximale Kursverlust in den letzten Jahren (inkl. Finanzkrise) ausgefallen ist, d.h. die maximale Entfernung vom Allzeithoch. Geht dazu auf
http://go.guidants.com/#c/Analyse

Vergrößert das Chart-Fenster. Sucht nach Fielmann. Nun könnt ihr mit dem Mausrad rein- und rausscrollen oder mit der linken Maustaste im Chart nach links und rechts wandern oder oben über die Auswahl den Zeitraum auswählen.

Über die Auswahl „Preisbereich“ (im 12. Symbol von links öffnet sich ein Dropdown-Menü) könnt ihr zwei Punkte miteinander verbinden, die euch die Kursentwicklung in Prozent angeben. Falls es nicht funktioniert, klickt ein zweites Mal auf „Preisbereich“ und verbindet die Punkte. Das scheint ein bisschen buggy zu sein. Beim zweiten Versuch sollte es aber funktionieren.

Für Fielmann kommt man auf einen maximalen Verlust in Höhe von 39% (vom Hochpunkt am 21.02.2007 bis zum Tiefpunkt am 22.01.2008). Das ist ziemlich wenig. Beim MSCI World Index kommt man in der Finanzkrise auf 55%. Diesen Wert könnt ihr als Benchmark nutzen.

Tipp: Um schneller zu sehen, wann der maximale Verlust stattgefunden hat, stellt die Skala auf logarithmisch um. Klickt 1-2x auf die Preisachse und bestätigt die Checkbox „Logarithmische Skala“. Erst jetzt sieht ein Einbruch von 20 auf 10 Euro genauso dramatisch aus wie ein Einbruch von 100 auf 50 Euro.

Aktie

Alternativ kann man diesen Wert auch über die andere Seite berechnet. Es dauert dort aber deutlich länger, den Hochpunkt und Tiefpunkt herauszusuchen:
http://www.finanzen.net/historische-kurse/Fielmann

Schritt 7 – Weitere Überlegungen
 
Man sollte natürlich noch viel mehr bedenken, als ich hier aufgeführt habe. Ich kaufe z.B. gern Familienunternehmen. Ich kaufe gern Unternehmen mit hohen Marktanteilen, hohen Markteintrittsbarrieren (Airbus!), hohen Cash-Beständen. Hier muss jeder selbst entscheiden, was ihm wichtig ist.

Auch die Branche ist wichtig. Man sollte einzelne Branchen nicht zu stark übergewichten. Lest auch gern meinen Beitrag „Die richtige Branche zur richtigen Zeit“.

Schritt 8 – Nachrichten

Lest, was zuletzt über das Unternehmen geschrieben wurde. Googelt ihr ein Unternehmen, könnt ihr oben „News“ auswählen. Dazu zwei Anekdoten:

Neulich habe ich mich über einen großen US-amerikanischen Telefonanbieter informiert. Die Zahlen sahen klasse aus. Bei Schritt 8 angekommen, durchforstete ich das Web. In einem der ersten Artikel stand, eine aktuelle Umfrage hätte ergeben, es handle sich um den unbeliebtesten Telefonanbieter der USA. Und schon war er von meiner Watchlist verschwunden.

Ich hatte mit einem Einstieg bei „Chipotle Mexican Grill“ geliebäugelt. Hier der Link zu meinem Artikel: https://stefansboersenblog.com/2015/11/27/geheimtipp-2/
Das KGV erschien mir damals zu hoch. Mittlerweile ist die Aktie sehr viel günstiger zu haben. Die Nachrichtensuche zeigte auch, warum. In mehreren Filialen waren Noro-Viren und Coli-Bakterien im Essen, wodurch viele Kunden krank geworden sind.

Schritt 9 – Der Vergleich

Vergleicht die Kennzahlen aus den Schritten 3 bis 7 mit denen anderen Unternehmen. Tragt eure Zahlen und Gedanken in eine Excel-Tabelle ein. So habt ihr sie gespeichert und könnt immer wenn ihr Lust und Zeit habt ein Unternehmen hinzufügen und vergleichen.

Für mich sind die wichtigsten Zahlen

  • Kurssteigerung + Dividende,
  • maximaler Verlust,
  • um wie viel Prozent liegt das aktuelle KGV über oder unter dem 5-Jahres-Schnitt.

Marge, Eigenkapitalquote und Cash Flow sind auch wichtig, aber für mich nicht so wichtig wie die anderen 3.

Der maximale Verlust ist für mich kein Ausschlusskriterium. Ich sehe es eher als Orientierungshilfe zur Bestimmung des Einstiegszeitpunktes. Hat die Aktie im letzten Bärenmarkt 70 oder 80 Prozent verloren, dann sollte man nicht einsteigen, wenn man das Ende eines Bullenmarktes bzw. den Beginn eines Bärenmarktes vermutet.

Wie gesagt: Vergleicht die Unternehmen. Nun kommt es auf euer Profil als Anleger an.
Welche Rendite erscheint euch zufriedenstellend?
Wie hoch ist der Verlust, den ihr ertragen könnt, ohne panisch zu verkaufen?
Wie weit darf sich das KGV vom 5-Jahres-Schnitt entfernen? Liegt es über eurer Grenze, dann wartet mit dem Kauf. Keine Sorge: Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass der Kurs irgendwann nochmal tiefer steht als heute, liegt bei mehr als 99%, denke ich 🙂

Eure Kriterien sollten von eurer Anlagestrategie abhängen. Ein Kollege fragte mich neulich, welche Aktie ich ihm bei einer Anlagedauer von 6 Monaten empfehlen würde. Ich konnte kein Unternehmen nennen, da ich kein Geld in Aktien anlegen würde, das ich evtl. in 6 Monaten brauche. Meine Unternehmensbeteiligungen sind meine Altersvorsorge.

Zur Unternehmensauswahl hier noch einige Zitate von Warren Buffett.

Eine Aktie, die man nicht 10 Jahre zu halten bereit ist, darf man auch nicht 10 Minuten besitzen.

Investiere nur in eine Aktie, deren Geschäft du auch verstehst.

Man sollte nur in Firmen investieren, die auch ein absoluter Vollidiot leiten kann, denn eines Tages wird genau das passieren.

Falls ihr kein Stock Picking und Market Timing betreiben wollt, lest hier weiter.
Idee: Monatlicher ETF-Sparplan auf den MSCI World Index
Ein ETF-Sparplan ist eine großartige Alternative zu einem Einzelwert-Depot.

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2 Gedanken zu „Zusammenstellung eines Depots (Teil 2)

  1. Hi Stefan,

    danke für die vielen Links, werde ich mir anschauen, wenn ich mehr Zeit habe, das klingt alles sehr gut.

    Nur kurz: einen guten Aktienscreener für amerikanische Unternehmen findest Du unter http://finviz.com/screener.ashx
    Mit dem kannst Du Deine wichtigen Punkte schon gut herausfiltern (Marktkapitalisierung > 2 Mrd und so). Da findest Du dann Aktien, die vielleicht für Dich interessant sein könnten.

    Für Value-Aktien schau Dir mal den Blog von Michael C. Kissig an: http://www.intelligent-investieren.net/
    Auf den würde ich persönlich eher hören als auf Fool.de, die ich zwar gerne mal lese, die mir aber zu Boulevardesque rüberkommen (das Wort passt nicht ganz, aber mir fällt gerade nichts besseres ein 😉

    Grüße,
    Oz

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