Die richtige Branche zur richtigen Zeit

Eine wichtige Frage beim Investieren ist, auf welche Branchen man setzen soll und zu welchem Zeitpunkt.

Zunächst solltet ihr alle Branchen herausfiltern, in die ihr aus moralischen Gründen nicht investieren wollt. Die Klassiker sind Rüstung und Tabak. Auch Alkohol oder Fleisch werden von einigen abgelehnt.

Als Nächstes ist es ratsam, Branchen auszuschließen, von deren Zukunftsaussichten ihr nicht überzeugt seid oder deren Geschäftsmodelle ihr nicht zu 100% versteht oder bei denen ihr Leichen im Keller vermutet.

Ich investiere z.B. grundsätzlich nicht in Banken, Versicherungen und sonstige Finanzdienstleistungen sowie in Beteiligungsgesellschaften. Auch bei Technologie-Werten bin ich ähnlich vorsichtig wie Warren Buffett, der mit Aktien zum reichsten Menschen der Welt wurde. Aber das muss jeder selbst entscheiden.

Die übrigen Branchen kann man in 3 Klassen einteilen: zyklisch, defensiv, neutral.

Defensiv werden Branchen genannt, die keinen starken Konjunkturzyklus für ihr Wachstum benötigen. Wir kaufen auch zu Zeiten der Arbeitslosigkeit nicht weniger Zahnpasta, Duschgel, Waschmittel oder Medikamente. Defensive Branchen sind u.a. Gesundheit, Nahrung, Energieversorgung, Kosmetik, Tabak. Einige dieser Branchen weisen hohe Dividendenrenditen auf, da weniger Geld für Forschung, Entwicklung und Investitionen ausgegeben wird als in den meisten zyklischen Branchen.

Zu den Zyklikern zählen u.a. Maschinenbau, Chemie, Technologie, Öl sowie die Automobilindustrie. Je stärker die Konjunktur, desto besser laufen diese Aktien. In schwachen Wirtschaftsphasen hingegen verzeichnen diese Branchen häufig starke Einbrüche.

Neutrale Branchen passen in keine dieser Schubladen. Telekommunikation und Finanzdienstleistungen sind neutrale Branchen.

Wie sollte man diese 3 Klassen in einem Depot gewichten? Wann sollte man Aktien welcher Klasse kaufen?

Eines solltet ihr euch klarmachen: Je höher der Anteil der Zykliker, desto größer die Schwankungen. Bei einem volatilen Depot ist Nervenstärke gefragt.

fallende-kurseAnbei einige Werte aus meinem aktuellen Depot – mit Angabe der Verluste in der letzten Finanzkrise vor knapp 10 Jahren (vom Vorkrisen-Hochpunkt zum Tiefpunkt) und Angabe der Zeit vom Vorkrisen-Hochpunkt bis zum Wiedererreichen dieses Niveaus.

Cancom: -73%, 2 Jahre 4 Monate
Continental: -91%, 6 Jahre
Gilead Sciences: -40%, 3 Jahre
Jungheinrich: -82%, 5 Jahre 10 Monate
Patrizia Immobilien: -96%, 8 Jahre 6 Monate

Kauft ihr einen zyklischen Wert zum ungünstigsten Zeitpunkt, kann es also sehr lange dauern, bis euer Kaufkurs wieder erreicht wird. Einige Unternehmen erlangen das alte Niveau vielleicht nie wieder. Andere gehen Pleite und eure gesamte Investition ist futsch. Deswegen ist Diversifikation sehr wichtig.

Die Zahlen zeigen auch: Aktiensparen ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Durchhaltevermögen ist gefragt. Patrizia-Aktionäre, die zum Hochpunkt im Januar 2007 eingestiegen sind, haben bei diesem Kauf Geld verloren – es sei denn, die haben achteinhalb Jahre durchgehalten.

An der Börse gibt‘s nur Schmerzensgeld – erst kommen die Schmerzen, dann das Geld. (André Kostolany)

Man kann es auch andersherum betrachten. Wie stark sind die Kurse gestiegen vom Tiefpunkt 2009/2010 bis zum 2015er Hoch?

Cancom: +3304%
Continental: +2217%
Gilead Sciences: +791%
Jungheinrich: +1096%
Patrizia Immobilien: +2974%

Falls ihr nach einem Dezimaltrennzeichen sucht: Es gibt keins. Cancom hat seinen Wert tatsächlich verdreiunddreißigfacht. Am Tiefpunkt kaufen und am Hochpunkt verkaufen können jedoch nur Lügner.

Der defensive Wert (Gilead) hat also im Bärenmarkt am wenigsten verloren, aber im darauffolgenden Bullenmarkt auch am wenigsten zugelegt.

Im Schnitt über meinen gesamten Anlagehorizont (von 2015 bis zu meinem Tod) möchte ich den Anteil der Zykliker etwa im Bereich zwischen 25 und 40 Prozent halten. Ich befinde mich anlagetechnisch in einer Sturm-und-Drang Phase und ich investiere risikoreicher als der durchschnittliche Anleger. Die Vorsichtigen und die Einsteiger unter euch sollten den Zykliker-Anteil nicht größer als 30% werden lassen.

Zum Einstiegszeitpunkt: Ich empfehle, Zykliker nur am Ende von Bärenmarkten bzw. zu Beginn von Bullenmärkten zu kaufen – also wenn die Kurse der marktbreiten Indizes mindestens 25 bis 30 Prozent von ihren Allzeithochs entfernt sind.

Aktuell befinden wir uns in einer Phase, in der ich mit zyklischen Werten vorsichtig bin.

Seien Sie ängstlich, wenn die Welt gierig ist und seien Sie gierig, wenn die Welt ängstlich ist. (Warren Buffett)

Wem das alles zu viel Arbeit ist, der wird möglicherweise mit einem ETF-Sparplan glücklich. Beim Thema ETFs seid ihr bei der Bloggerin „Ex-Studentin“ bestens aufgehoben. Sie kann euch dazu sehr viel mehr berichten als ich.

https://exstudentin.wordpress.com/

Ich investiere nicht in ETFs, da es mir sehr viel Spaß macht, die (hoffentlich) richtigen Einzelaktien zur (hoffentlich) richtigen Zeit auszuwählen und auf diese Weise eine höhere Rendite als der Markt zu erzielen. Einsteigern, die mich um Rat bitten, empfehle ich jedoch immer ETF-Sparpläne.

Advertisements

6 Gedanken zu „Die richtige Branche zur richtigen Zeit

  1. Huhu Stefan, danke für deinen Verweis auf meinen Blog. Das ehrt mich! 🙂 ETF-Interessierten kann ich http://www.wertpapier-forum.de/topic/45254-steuerstatus-und-trackingdifferenzen-von-aktien-etfs-auf-standardindizes/ und http://www.finanzwesir.com/ ans Herz legen. Hast du einen Plan, inwiefern du bei einem eventuellen Crash nachkaufst? Ich muss gestehen, solche Wertsteigerungen wie bei Cancom sind natürlich ein Traum. Aber man muss wohl Hellseher sein um zu wissen, dass ein Unternehmen so eine Performance hinlegt statt pleite zu gehen.

    Gefällt mir

  2. Hallo Ex-Studentin,

    im August hatte ich Glück. Der DAX verlor 1.600 Punkte in 4 Tagen. Am 4. Tag notierten die Aktien vieler Unternehmen am Jahrestief. Meine Cash-Quote lag bei 100%. Als die Märkte sich am 5. Tag wieder langsam erholten, kaufte ich 5 Positionen.

    So eine hohe Cash-Quote gehabt zu haben und nahe am Tiefpunkt eingestiegen zu sein, war natürlich Glück.

    Ich nutze gern die Medien als Hilfsmittel. Zuerst berichten nur diejenigen über einen Abverkauf, die immer berichten. Dann kommen immer mehr dazu. Plötzlich ist der Crash in der Tagesschau und der BILD-Zeitung das Thema Nummer 1. Die Banken senken ihre DAX-Kursziele für das Jahresende. Vielleicht gibt es sogar einen ARD-Brennpunkt.

    Die Trader sind nun short positioniert. Die Angsthasen haben auch bereits verkauft. Die Stopps wurden fast alle abgeräumt. Aktien sind von den schwachen Händen in die starken Hände gewandert. Ich halte das für einen guten Einstiegszeitpunkt.

    Ob das dann bereits der Tiefpunkt war, weiß niemand. Es kann einen zweiten, noch tieferen Rutsch nach unten geben (wie 2011) oder ein längerer Bärenmarkt wie 2000-2002 oder 2007-2009 beginnt. Doch die letzten 200 Jahre zeigen: Auf jede Rezession/Depression folgt ein Aufschwung/Boom. Auf jeden Bärenmarkt folgt ein Bullenmarkt.

    Ich hinterfrage meine Strategie täglich. Dein ETF-Sparplan gefällt mir sehr gut. Du streust sehr, sehr breit, mit niedrigen Gebühren. Und du sparst dir die viele Zeit, die ich mit stock picking und market timing verbringe.

    Gefällt mir

  3. Ja, bisher halte ich meine Gebühren wirklich niedrig. Alle Gebühren, die man zahlt, muss man automatisch mehr erwirtschaften. Sparpläne sparen zwar Zeit, anderseits haben Stock Picking und Market Timing ihren Reiz. Meine Hauptstrategie würde ich vermutlich nicht drauf aufbauen, weil ein Fehlgriff alle Bemühungen zu Nichte machen kann. Aber wenn man da ein paar glückliche Händchen und das richtige Bauchgefühl hat, kann man gute Renditen erzielen.

    Gefällt mir

    • Ich habe mich heute intensiv mit ETFs beschäftigt und denke ernsthaft über einen monatlichen Sparplan nach. Meine Wahl würde dann wohl auf den MSCI World fallen, als thesaurierender Swapper. Den hast du auch, wenn ich mich nicht irre.

      Gefällt mir

  4. Ab und zu zweifle ich meine Swapper an, weil Ausschüttungen an sich auch ihren Reiz haben. Aber anderseits denke ich mir: Bei thesaurierendem ETFs muss man einmal den Sparplan einrichten und sich kaum drum kümmern. Kein händisches Reinvestieren der Ausschüttungen notwendig und den Steuerstundungseffekt kann man dadurch auch nutzen, was sich steuerrechtlich nichts ändert.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s