Am Ende hat man einen Zoo

Nachdem es hier im Blog zuletzt um zottelige Bären, dickhäutige Elefanten und fette Enten ging, wird es auch heute wieder tierisch zur Sache gehen. Ich möchte mich (aber vor allem euch!) mit der Frage beschäftigen: Diversifikation oder Konzentration?

Dieser Frage kann man sich auf verschiedenen Wegen nähern.

a) Diversifikation zwischen Anlageklassen
b) Einzelaktien vs. ETFs
c) Einzelaktien: wenige vs. viele

Im Folgenden soll es um C gehen. Dieser Punkt ist bereits komplex genug für einen ausführlichen Beitrag.

Was hat das mit Tieren zu tun?

Warren Buffett sagte einst: „Ich kann mich nicht mit 50 oder 75 Dingen beschäftigen. Das ist Arche-Noah-Investing – am Ende hat man einen Zoo. Ich stecke gern beträchtliche Summen in wenige Dinge.“

Arche Noah

Wenn mich nicht alles täuscht, stammt dieses Zitat aus den Fünfziger oder Sechziger Jahren, als Buffett seine Investment-Entscheidungen noch weitgehend allein traf, und zwar noch nicht bei Berkshire Hathaway, sondern bei Buffett Partnership.

1966 schrieb er an seine Partner: „Ich bin bereit, mich stark auf das zu konzentrieren, wovon ich glaube, dass es die besten Investment-Gelegenheiten sind. Ich bin mir dabei sehr wohl bewusst, dass das hin und wieder ein ziemlich mageres Jahr mit sich bringen kann – eines, das vermutlich magerer ist, als wenn ich mehr diversifiziert hätte. Obwohl das bedeutet, dass unsere Ergebnisse stärker ausschlagen werden, bedeutet es meiner Meinung nach auch, dass unsere langfristige Überlegenheit größer sein sollte.“

Im neuen Jahrtausend betonte Buffett, dass die mittlerweile gigantische Größe Berkshires (Bilanzsumme 620 Mrd. USD) ihn zu einem Wechsel der Strategie zwang.

Heute hat Berkshire dutzende Tochtergesellschaften sowie Anteile an 47 Unternehmen. Sieht man von den Tochtergesellschaften ab, so machen die Top-5 etwa 65% vom Berkshire-Portfolio aus. Außerdem haben lediglich 7 der 47 Unternehmen einen Anteil von mehr als 3% am Portfolio. (Quelle)

Aber genug von Warren. Wie sehe ich das Ganze? Vielleicht erklärt es sich am besten anhand einiger Beispiele.

# 1 – Doug und Carrie

Doug und Carrie aus dem New Yorker Stadtteil Queens haben jeweils 12 Unternehmen in ihren Portfolios. Der Gesamtwert schwankt stärker als der S&P 500. Im nächsten Bärenmarkt sinkt der Index um 30%, die Portfolios jedoch um 40%.

Carrie ist eine erfahrene Investorin, die bereits mehrere Bärenmärkte erlebt hat. Sie weiß um die höhere Volatilität ihrer Strategie, ist jedoch auch selbstbewusst genug, an die langfristige Überlegenheit zu glauben. Sie bleibt investiert.

Doug hingegen wird nervös. Er sieht nur zwei Möglichkeiten:

(1) Dem Aktienmarkt den Rücken kehren.
(2) Das Portfolio auflösen und in Indexfonds umschichten.

Learning: Es kommt auf die Erfahrung und den Charakter an.

# 2 – Walt und Jesse

Walt und Jesse sind am Unternehmen Stericycle beteiligt.

Walt liest jeden Jahresbericht. Er hält sich über all seine Beteiligungen auf dem Laufenden. Jesse hat dagegen keine Lust, die Jahresberichte seiner Unternehmen zu lesen.

Walt hat frühzeitig in Erfahrung gebracht, dass Stericycle neuerdings Milliarden-Summen in Übernahmen unprofitabler Unternehmen aus wenig aussichtsreichen Märkten investiert. Kapitalrendite und Umsatzrendite fallen ins Bodenlose. Der CEO weiß nicht, was er sonst mit dem Geld anstellen soll. Die Bonuszahlungen des CEO sind nicht an Profitabilität und Kursentwicklung geknüpft, sondern an die Umsatzentwicklung. Walt zieht die Reißleine, verkauft und investiert das Geld lieber in aussichtsreichere Unternehmen.

Jesse bekommt das alles nicht mit.

Learning: Es kommt darauf an, wie viel Lust und Zeit man hat, sich nach dem Kauf mit seinen Beteiligungen zu beschäftigen.

# 3 – John und Daenerys

John hat Stefans Börsenblog abonniert und stellt aufwändige Analysen an, bevor er sich an einem Unternehmen beteiligt. Er verzichtet darauf, sich an stark verschuldeten oder wenig profitablen Unternehmen zu beteiligen. Wir befinden uns am Ende des Bullenmarktes. Der Winter naht. Doch John kann wunderbar schlafen. Er weiß, dass seine Unternehmen von so hoher Qualität sind, dass sie gestärkt aus der nächsten Krise hervorgehen werden. Sie gewinnen sogar Marktanteile, weil andere Unternehmen Insolvenz anmelden müssen.

Daenerys interessiert sich lediglich für KGV und Dividendenrendite. Bald schon folgt die lange Nacht. Ihr Portfolio färbt sich blutrot.

Learning: Es kommt darauf an, wie viel Lust und Zeit man hat, sich vor dem Kauf mit seinen potentiellen Beteiligungen zu beschäftigen.

# 4 – Frank und Claire

Frank und Claire aus Washington sind an jeweils 10 Unternehmen beteiligt.

Frank kauft nur Unternehmen aus seinem „Kompetenzkreis“. Er ist in South Carolina aufgewachsen und kennt sich bestens in der Textilindustrie, der Holzverarbeitung und der Chemiebranche aus. Außerdem hat er einige Jahre für verschiedene Banken und Versicherungen gearbeitet. Auf diesem Gebiet macht ihm so schnell keiner etwas vor. Frank fällt es nicht schwer, die jeweils aussichtsreichsten 2 Kandidaten zu identifizieren.

Claire hat gelesen, man soll so viele Branchen wie möglich ins Portfolio aufnehmen. Ihr fehlt noch ein Halbleiter-Hersteller. Ein Kollege hat ihr gesagt, ein Unternehmen namens Dialog Semiconductor soll „ganz gut sein“. Claire hat ausgerechnet, dass sie 5% ihres Portfolios in die Halbleiter-Branche investieren sollte und tut dies. Leider hat sie nicht die geringste Ahnung, was Halbleiter bedeutet. Ihre Portfolio-Performance (Kursentwicklung und Dividenden zusammen) bleibt langfristig hinter der von Frank zurück.

Learning: Investiere in das, was du kennst.

Warren Buffett weiß, dass es zu mühsam und mit zu großer Unsicherheit verbunden ist, den fairen Wert von Unternehmen wie Netflix, Tesla, Amazon oder Facebook zu bewerten. Er zieht einfach weiter.

Abschließende Zitate

„Die meisten Menschen wären meiner Meinung nach besser gestellt, wenn sie in ihrer gesamten Lebenszeit nur zehn Gelegenheiten hätten, Aktien zu kaufen. Wissen Sie, was geschehen würde? Sie würden sicherstellen, dass jeder Kauf ein guter Kauf wäre. Sie würden enorm viele Recherchen anstellen, bevor sie den Kauf durchführen.“ (Warren Buffett in einem Gespräch mit Studenten 2007)

„Wenn Buffett über ein neues Investment nachdenkt, dann schaut er sich zuerst an, was er bereits hat, damit er sieht, ob der neue Kauf besser wäre. […] Für einen normalen Menschen sollte das Beste, was er bereits besitzt, die Messlatte sein. […] Charlie Munger sagt: Wenn das Neue, über dessen Kauf Sie nachdenken, nicht besser ist als das, von dem sie bereits wissen, dass es zur Verfügung steht, dann hat es ihren Schwellenwert nicht erfüllt.“ (Robert Hagstrom)

„Beim Investieren ist das richtig, was für die jeweilige Person funktioniert.“ (Jeremy Miller)

 

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5 Gedanken zu „Am Ende hat man einen Zoo

  1. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass Fokusinvesting (10 – 15 Werte) eigentlich auslangt.
    Der letzte Satz in deinem Beitrag ist wohl der Wichtigste:

    „Beim Investieren ist das richtig, was für die jeweilige Person funktioniert.“ (Jeremy Miller)

    Daher habe ich viele Unternehmen. Ich kann einzelne Unternehmen nicht im Detail analysieren. Ich kaufe daher Unternehmen, die mir gefallen und wenn ich mich irre, verkaufe ich wieder. Mit der Zeit sammeln sich so viele gute Unternehmen im Depot an. Ist zwar nach dem Motto „Versuch und Irrtum“, aber als Kleinanleger kann ich mit meinen Möglichkeiten nicht mehr machen. Ob meine Performance damit besser oder schlechter als der Markt ist, kann ich nicht sagen. Mein Ziel ist nicht eine bestimmte Performance, sondern langfristig ein permanenter Cashflow.

    Für mich funktioniert dieses Vorgehen.

    Gefällt 1 Person

  2. hallo Stefan,

    ein super Beitrag zu einem Thema was mich echt interessiert, danke!

    Die eine Hälfte meines Depots besteht aus ETF’s, die andere Hälfte aus Einzelaktien, in Deinem Protagonisten Doug kann ich mich nicht erkennen, zum Glück, Jesse hingegen wäre durchaus möglich, ich muss zugeben dass ich nach dem Kauf meiner Aktien etwas schludrig bin und ausser dem Kurs und den Dividenden nix mehr anschaue, ganz klar, das muss ich ändern!
    Bei neuen Investments achte ich auf mehr als auf Div.Rendite und KGV, ich achte penibel auf die Eigenkapitalquote und da mache ich keine Abstriche, EK muss zwingend über 30% sein, besser 40%, leider fallen damit schon einige Wunschaktien weg.
    Natürlich hätte ich gerne alle Branchen vertreten in meinem Portfolio, ich gewichte aber Konsumaktien und Med./Pharma/Healthcare über, wichtig ist mir persönlich auch noch eine Diversifizierung über mehrere Währungsräume, USA kann und will ich nicht übergewichten, was aber nichts mit den Firmen oder dem Land zu tun hat.

    Ich muss noch viel lernen und vermutlich noch länger Geduld haben auf Kaufgelegenheiten zu warten.
    Schöne Feiertage,
    Annabella

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Annabella,

      zu deinem letzten Satz:
      Ich wünschte, ich wäre vom Kopf her schon so weit wie du mit 2 überstandenen Bärenmärkten. Geduld und Disziplin werden wohl die wichtigsten Börsenlektionen, die ich in den nächsten Jahren lernen muss.
      Ich bin ja schon ein bisschen stolz auf mich, dass ich mich in den letzten 3 Monaten nicht zu einem Kauf habe hinreißen lassen. Ich finde derzeit nichts auf dem Markt, was meinen Anforderungen an Qualität und Preis gerecht wird. Aber die Zeit wird kommen.

      Dir auch frohe Ostern!

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      • hallo Stefan,

        der Bärenmarkt wird kommen und ich werde Geld verlieren, ich bin Einiges älter als Du, aber was wäre das Schlimmste was mir passieren könnte? ich würde genausoviel Geld zum Essen haben, ich müsste keine Kleider in der Kleiderkammer holen, ich könnte immer noch meine Hypothek weiterbezahlen, zum Zahnarzt gehen und die Tierarztrechnung begleichen, dafür habe ich einen Job und keinerlei Konsumschulden. Vielleicht müsste ich aber tatsächlich bis zum ordentlichen Rentenalter arbeiten, das käme auf die Verluste und die Dauer des Bärenmarktes an (die dauern ja nicht ewig).
        Sicher ist ein Bärenmarkt nicht lustig, eine Korrektur ist da viel angenehmer, aber
        Du bist jung und hast das nötige Wissen, wie viele junge Menschen, auch Studierte, leben nur so von einem Gehalt zum Nächsten, ohne Ziel und ohne Plan, Du hast viel mehr als Du glaubst und bist viel weiter als Andere.

        Ja, zur Zeit findet man keine Qualitätsaktien zum Schnäppchenpreis, es ist vernünftig dann abzuwarten oder bestehende Positionen aufzustocken,
        und das Wichtigste, manchmal kommt Alles ganz anders als man denkt, zumindest war es bei mir immer so.

        Viel Glück auf jeden Fall!

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  3. Meine konträre Sichtweise
    1
    Doug und Carrie fahren mit ihrem Portfolio ein höheres Risiko und verlieren im Bärenmarkt 33% mehr als der Index. Hohes Risiko, das sich nicht auszahlt.
    Zu 2
    Walt und Jesse sind am Unternehmen Apple beteiligt, seit Ende 1985. Walt liest jeden Jahresbericht und erkennt Anfang der 90er, dass Apples Gewinne deutlich sinken und als Apple 1993 einen Quartalsverlust einfährt,trennt er sich von der Aktie. Die Apple Aktie verliert 79,6% zwischen 1992 und 1997.
    Jesse bekommt das alles nicht mit und als er Ende 2015 zufällig nach seiner Aktie schaut,hat diese eine durchschnittliche Jahresrendite von 21,13% eingefahren. Warren Buffett landet mit 15,7% nicht einmal unter den besten 30 in diesem Zeitraum.
    3
    In einem Bärenmarkt werden beide blutrote Aktien- Portfolios haben und schlecht schlafen.
    John hat gute Chancen,noch schlechter abzuschneiden als Daenerys, da er nur hochprofitable und dementsprechend teure Aktienmit hoher Erwartungshaltung besitzt.
    4
    Frank kauft nur Aktien aus seinem Kompetenzbereich. Leider erstreckt sich seine Kompetenz nur auf hoch-zyklische und krisengeschüttelte Banken und Versicherungen.
    Claire hat zwar keine Ahnung aber weit gestreut in die verschiedensten Branchen. Während der Finanzkrise müssen Franks Banken und Versicherungen verstaatlicht werden, sein Textilunternehmen wird nach Bangladesh verlegt, die Holzindustrie leidet schwer unter der Immobilienkrise.
    Auch Claire wird schwer gebeutelt, aber ihre Wal-Mart und ihre McDonalds legen gegen Trend sogar zu.
    Fazit: Wenn’s denn so einfach wäre.Man beschäftigt sich mit seinen Aktien und der Erfolg wird sich einstellen. Tausende von Profi-Analysten beweisen immer wieder das Gegenteil.

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