Die Angst vor dem Brexit geht um

Ein beliebter Spruch in der Finanzwelt lautet: „Kurse machen Nachrichten, nicht umgekehrt!“. Nachdem ich die Aktienmärkte nun knapp 2 Jahre lang beobachtet habe, muss ich sagen: An dieser Aussage ist was dran!

Im Juni und Juli des vergangenen Jahres wurde die Volatilität des DAX mit dem griechischen Schuldendrama erklärt. Ging es den Griechen davor und danach besser? Wohl kaum. Haben wir seitdem nochmal einen Bericht gesehen, der die Entwicklung der Aktienkurse deutscher Unternehmen mit der Griechenlandkrise in Verbindung gebracht hat? Ich zumindest nicht.

Im August und September musste China für die Kursverluste herhalten. Heute stehen DAX und S&P 500 höher als zu den damaligen Tiefstkursen. Wächst die chinesische Wirtschaft seitdem wieder schneller? Mitnichten.

Später wurden größere Kursausschläge wahlweise mit dem VW-Skandal, der FED-Zinserhöhung, der Ölpreisentwicklung oder dem Geflüster des Herrn Draghi erklärt.

Jeden Abend wollen die Journalisten den Bürgern eine sinnvolle Begründung für die Kursentwicklung liefern.

Besser als erwartet ausgefallene Konjunkturdaten sorgen für steigende Kurse. Logisch, oder?

Was aber, wenn die Kurse nach schwächer als erwartet ausgefallenen Konjunkturdaten steigen? Schlechte Konjunkturdaten senken die Wahrscheinlichkeit einer baldigen Zinserhöhung und sind damit gut für die Aktienmärkte. Logisch, oder? 😉

Ein fallender Ölpreis und sinkende Kurse? Das ergibt Sinn, denn sinkende Ölpreise sind ein Indikator für eine Abschwächung der Wirtschaft.

Ein fallender Ölpreis und steigende Kurse? Na klar! Die Unternehmen kommen ja günstiger an Rohstoffe und die Verbraucher können mehr Butter aufs Brot schmieren, da sie weniger Geld an der Zapfsäule lassen.

Die Medien drehen sich alles so hin, wie es gerade passt, nach dem Motto:
Zwei mal drei macht vier
Widdewiddewitt und drei macht Neune
Ich mach‘ mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt

Ich nenne das Finanzpornographie. Das weiß mittlerweile auch Google und listet meinen Blog bei diesem Suchbegriff aktuell an 3. Stelle.

Es ist noch nicht lange her, da habe ich täglich die Artikel auf Finanzmarktwelt, Godmode-Trader und Handelsblatt verschlungen. Heute lache ich darüber und weiß, dass mich Finanzpornographie auf dem Weg zum erfolgreichen Investor nicht nur kein Stück weiterbringt, sondern dass sie gefährlich sein kann.

Es war ein gutes Gefühl, die entsprechenden Lesezeichen in meinem Browser zu löschen. Ich kann jedem langfristig ausgerichteten Anleger nur empfehlen, sich von derartigen Seiten fern zu halten. Ihr macht euch nur verrückt!

Zur Sendung „Börse vor 8“, die täglich in der ARD läuft, schreibe ich besser nichts, sonst werde ich noch ausfällig.

Niemand weiß, wohin sich die Kurse kurzfristig bewegen. Auch Warren Buffett nicht, wie er immer wieder betont.

Der eine oder andere von uns fragte sich vielleicht in den vergangenen Tagen: Soll ich jetzt investieren oder warte ich noch die Brexit-Entscheidung und die Fed-Zinsentscheidung in Juni ab?

Das ist ein Schmarrn! Ein Privatanleger mit langfristigem Anlagehorizont sollte sich um solche Dinge keine Gedanken machen.

Ein älteres Zitat von Buffett lautet: „Ich denke nicht darüber nach, ob ein Markt nach oben oder nach unten geht. Ich kümmere mich nur darum, ob ich ein Unternehmen zu einem akzeptablen Preis kaufen kann. Ich sehe mich nicht als Teil eines Bullenmarkts, sondern als Teilhaber an wunderbaren Firmen. Ich muss zu einem Preis kaufen, der mich glücklich macht.“

Ich habe einen bestimmten Sicherheitspuffer, den ich jederzeit auf dem Giro-/Tagesgeldkonto haben möchte. Außerdem habe ich ein Mindest-Ordervolumen für meine Investitionen in Aktien, das ich mir selbst gesetzt habe. Darunter ist mir der Gebührenanteil zu hoch.

Nach dem Gehaltseingang überschlage ich meine Einnahmen und Ausgaben bis zum Tag vor dem nächsten Gehaltseingang. Wird mein Cash in dieser Zeit voraussichtlich höher sein als die Summe aus Sicherheitspuffer und Mindest-Ordervolumen, so investiere ich in diesem Monat in ein hervorragendes Unternehmen, dessen Anteile ich zu einem akzeptablen Preis kaufen kann. Finde ich keines, so warte ich. Doch um Brexit, Zinsanhebung und dergleichen mache ich mir beim Investieren keine Gedanken.
[Stehen größere Ausgaben bevor wie eine Bafög-Rückzahlung, so denke ich natürlich weiter als nur einen Monat.]

Langfristig steigen die Aktienmärkte um 7 bis 10 Prozent pro Jahr. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit eines Brexit und einer Juni-Zinsanhebung in den aktuellen Kursen längst eingepreist. Warum sollte ich dann mit dem Kauf warten?

Wer sich fürchtet, seine Aktien könnten nach einem EU-Austritt der Briten in den Keller rauschen (oder nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten), dem liste ich noch einmal auf, was in den letzten 40 Jahren so passiert ist und zeige anschließend die Kursentwicklung des MSCI World Index von 1969 bis 2012.

  • Zwei Afghanistankriege 1978-1989 und ab 2001
  • Zwei Golf-/Irakkriege 1991 und ab 2003
  • Die Jugoslawienkriege 1991-2000
  • Die zweite Ölkrise 1979/80
  • Der deutsche Linksterrorismus der 70er/80er Jahre
  • Der Tschernobyl-Atomunfall 1986
  • Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1989-1991 und des Kommunismus in Osteuropa
  • Die Aids-Epidemie ab Ende der 80er Jahre
  • Der Rinderwahnsinn ab Mitte der 90er Jahre
  • Die Vogelgrippe ab 2003
  • Die Wiedervereinigung Deutschlands 1990
  • Die Abschaffung der D-Mark 1999
  • Das Platzen der Dotcom-Blase 2000
  • Mehrere schwere Finanzkrisen mit zahlreichen Staatsbankrotten in den Schwellenländern
  • Steigende Haushaltsdefizite in den meisten Industrieländern
  • Die Entstehung des islamistischen Terrorismus mit zahlreichen Anschlägen
  • Mehrere schwere Naturkatastrophen
  • Die Angst vor dem Klimawandel
  • Überalterung der westlichen Gesellschaften
  • Der globale Immobilien- und Kredit-Crash 2008/09 mit damit einhergehenden dramatisch erhöhten Staatsverschuldungsquoten

Die Aufzählung entstammt dem Buch „Souverän investieren in Indexfonds und ETFs“ von Gerd Kommer.

MSCI World

Leider habe ich kein schickes Bild gefunden, das die Jahre 2013 bis 2015 mit einschließt, kann euch aber sagen, dass im Jahr 2014 ein neues Allzeithoch erreicht wurde und dass dieses neue Hoch dann im Jahr 2015 noch einmal übertroffen wurde.

Nichts scheint diesen Zug aufhalten zu können.

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9 Gedanken zu „Die Angst vor dem Brexit geht um

  1. Top Artikel, sehe ich genauso.

    Ich bin 27 und mein Anlagehorizont liegt bei 40+ Jahren. Was Interessiert es mich wenn es in dieser Zeit zum Brexit, Grexit oder zu irgendeinem anderem exit kommt? Sollte der Markt nach Irgendeinem solchen Ereignis einbrechen weiß ich genau was ich tun werde….Kaufen, Kaufen und nochmals Kaufen.

    Und wenn die Zeitungen solche Geschichten bringen wie das der Dax demnächst auf 3000 Punkte fallen soll (Link unten) dann denke ich mir nur: „Ja bitte, das wäre das beste was mir passieren könnte“. Es ist genauso wie beim Tanken. Sollte der Benzinpreis von 1,30€ auf 0,30€ fallen, so werden alle erstmal volltanken. Warum sollte das bei der Aktienanlage anders sein?

    http://www.handelsblatt.com/my/finanzen/anlagestrategie/trends/aktienpessimist-albert-edwards-meine-dax-prognose-unter-3000-punkten/13560316.html

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  2. @Stefan Meisel

    ja genau der bin ich – ich muss auch hier meinen Senf dazugeben 🙂 Regelmäßiges Anlegen (monatlich, quartalsweise oder wie auch immer) ist der richtige Weg.

    Nimm nur Geld was Du nicht brauchst, fallen die Shares kaufe mehr, steigen sie kaufe ebenfalls (nur etwas weniger) bleibe am Ball, habe Spaß und Du wirst Dich wundern was am Ende rauskommt…

    Just my two cents.

    @Bukki – sehr gute Ansicht, hatte ich in dem Alter leider noch nicht, aber je früher desto besser (Bleib standhaft)

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  3. Hallo Stefan,
    ein sehr schöner Artikel! Ich kann mit meiner fast zehnjährigen Börsenerfahrung nur beipflichten.
    Was die Medien schreiben ist völlig wertlos. Alles sehen die Journis im Rückspiegel plötzlich glasklar vor Augen. Du hast ja wirklich top Beispiele rausgehauen. Gute Arbeit 😉

    Mittlerweile habe ich etwas Nachsicht: Die Schreiberlinge müssen jeden Tag ihre STory bringen, da kommt man auf solche schwachsinnigen Ideen und interpretiert in jede Kursbewegung ein Ereignis als Auslöser hinein. Meine NAchsicht hört aber auch schnell wieder auf: Die Jounalisten bezeichnen sich als Experten und die Leute zahlen Geld für diese Grüze und das oft zweimal. Als Kunde, und später, wenn sie deren Schreiberei als Anlagehilfe nutzen nicht selten noch einmal richtig.

    PS: Ob ein Brexit wirklich eingepreist ist? Da bin ich mir nicht ganz so sicher.

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  4. Gleich im Mai 2016, am Montag nach dem Brexit, kaufte ich billig die Aktien Cisco Systems, die ich wegen Dividenden für immer halten will. Die Firma Cisco als technologische Firma ist viel gesunder als Apple, IBM, Microsoft, Intel, Hewlett Packard, Samsung, Siemens, SAP, General Electric, gell. Diese Aktien werde ich nicht wegen Dividenden kaufen. Aber nach einer gefälschten Statistik, seit 13 Jahren steigen die Umsätze, Gewinne und Dividenden beim Cisco 11% jährlich. Solche Aktie muss ich haben. Und nicht solchen Fehler wie Buffett mit IBM machen, gell.

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