Warum autonome Fahrzeuge UBER eher stärken als zerstören

(Lesedauer: 7 Minuten)

Gestern veröffentlichte ich meinen Beitrag „Uber Technologies: Totgesagte leben länger“ als Begründung für meinen Aktienkauf am Tag zuvor.

Wie erwartet wurden im Kommentarbereich Waymo-Zweifel angebracht, auf die ich ausführlich, aber unstrukturiert einging.

Uber-Bären sagen: Waymo, Tesla & Co. werden mit ihren eigenen Robotaxi-Apps Ubers Geschäftsmodell zerstören.

Uber-Bullen wie Bill Ackman, die sich hunderte Stunden damit befasst haben, sehen das anders.

Heute stieß ich auf zwei längere Deep Dives von Rijnberk InvestInsights:

Mein heutiger Beitrag ist ein Auszug daraus, den ich mit ChatGPT auf Deutsch übersetzen und sprachlich an deutsche Finanzblogs anpassen lassen habe, der genau auf diesen Punkt eingeht. Viel Spaß damit und Danke an Autor Daan!

Die zentrale Sorge der Wall Street – und ein wesentlicher Grund für den Druck auf die Uber-Aktie in den vergangenen Monaten – lautet: Autonome Fahrzeuge könnten Uber langfristig aus dem Geschäftsmodell herausdrängen. Wenn der Fahrer als bisheriger Leistungserbringer wegfällt, so die Argumentation, könnte auch die Plattform überflüssig werden. Die Wertschöpfung würde dann vor allem beim Eigentümer des Fahrzeugs beziehungsweise der autonomen Technologie landen. AV-Anbieter könnten ihre eigenen, vertikal integrierten Plattformen aufbauen und Fahrgäste direkt mit ihren Flotten verbinden.

Ich halte diese These für grundlegend falsch. Sie unterschätzt sowohl die ökonomische Bedeutung einer Mobilitätsplattform als auch das, was Uber über viele Jahre aufgebaut hat.

Der entscheidende Wettbewerbsvorteil ist nicht das Auto

Ein skalierbares Mobilitätsnetzwerk besteht aus weit mehr als Fahrzeugen und künstlicher Intelligenz. Entscheidend sind insbesondere Nachfragedichte, Liquidität, Auslastung, Vertrauen, lokale Marktpräsenz und globale Reichweite.

Genau hier liegt Ubers eigentliche Stärke.

Uber bündelt Nachfrage, vermittelt Fahrten, optimiert Routen, steuert Preise, wickelt Zahlungen ab, gewährleistet Sicherheitsstandards und orchestriert den gesamten Marktplatz. Diese Fähigkeiten verlieren mit dem Aufkommen autonomer Fahrzeuge nicht an Bedeutung – im Gegenteil: Sie werden noch wertvoller.

Denn auch eine autonome Flotte muss Fahrzeuge und Fahrgäste effizient zusammenbringen. Sie muss Auslastung über Spitzen- und Nebenzeiten hinweg maximieren, Preise dynamisch steuern und den Kunden eine möglichst nahtlose Nutzererfahrung bieten.

Uber hat diese Plattform bereits.

Das Unternehmen verfügt über mehr als 200 Millionen Nutzer weltweit, eine etablierte und vertrauenswürdige Marke sowie eine über Jahre gewachsene digitale Infrastruktur. Hinzu kommen enorme Datenbestände zu Nachfrage, Routen, Preisen und dem Verhalten der Marktteilnehmer.

All das lässt sich nicht kurzfristig replizieren. Selbst ein Unternehmen mit praktisch unbegrenztem Kapital würde Jahre benötigen, um eine vergleichbare Plattform aufzubauen.

Für AV-Anbieter ist Uber der wirtschaftlich effizientere Weg

Der entscheidende Punkt ist die Kapitalrendite.

Die Entwicklung autonomer Fahrtechnologie gehört bereits zu den kapitalintensivsten Projekten überhaupt. Milliardeninvestitionen in Sensorik, Software, Fahrzeuge, Recheninfrastruktur und Forschung sind notwendig, bevor überhaupt ein skalierbares Geschäftsmodell entsteht.

Warum sollte ein AV-Anbieter zusätzlich Milliarden investieren, um parallel noch eine eigene Ride-Hailing-Plattform aufzubauen?

Eine solche Plattform müsste in jeder einzelnen Stadt zunächst eine ausreichende Nachfragedichte erreichen. Gleichzeitig müssten die Unternehmen Kunden gewinnen, Zahlungssysteme etablieren, Sicherheits- und Supportstrukturen aufbauen, regulatorische Anforderungen erfüllen und erhebliche Marketingausgaben finanzieren.

Und während dieser Aufbauphase stehen die teuren autonomen Fahrzeuge weitgehend ungenutzt herum.

Das ist aus Investorensicht ein entscheidender Nachteil: Eine autonome Flotte ist nur dann wirtschaftlich attraktiv, wenn sie möglichst hoch ausgelastet ist.

Genau deshalb ist die Integration in Uber so attraktiv.

Ein AV-Anbieter kann seine Fahrzeuge unmittelbar in einen bereits etablierten Marktplatz integrieren, Nachfrage vom ersten Tag an monetarisieren und geografisch expandieren, ohne in jedem neuen Markt zunächst eine eigene Kundenschicht aufbauen zu müssen.

Wenn die Auslastung der wichtigste Treiber der Unit Economics autonomer Mobilität ist, wird die Entscheidung gegen Uber zunehmend schwer nachvollziehbar.

Nach öffentlichen Angaben absolvieren autonome Fahrzeuge, die über Uber vermittelt werden, bereits rund 30 % mehr Fahrten pro Fahrzeug als Fahrzeuge auf eigenständigen AV-Plattformen. Sollte sich dieser Unterschied bestätigen und auch langfristig halten, hätte er erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit der Flotten.

Uber könnte zum „Operating System“ für autonome Mobilität werden

Damit verändert sich auch die Rolle Ubers.

Uber wäre dann nicht mehr primär die Plattform, die Fahrer und Fahrgäste zusammenbringt. Das Unternehmen könnte vielmehr zur zentralen Vermittlungs- und Koordinationsebene für autonome Flotten werden.

Sobald ein AV-Anbieter seine Fahrzeuge in das Uber-Netzwerk integriert, profitiert er von der bestehenden Nachfrage, der Preisoptimierung, dem Matching, der Zahlungsinfrastruktur und der lokalen Marktkenntnis.

Das Ergebnis ist höhere Auslastung.

Und höhere Auslastung ist bei autonomen Fahrzeugen unmittelbar mit besseren Unit Economics verbunden: Die hohen Fixkosten des Fahrzeugs verteilen sich auf mehr Fahrten, während sich Leerlaufzeiten reduzieren.

Damit entsteht ein positiver Kreislauf:

Mehr Nachfrage → höhere Auslastung → bessere Unit Economics → attraktivere Preise → mehr Nachfrage.

Uber sitzt genau im Zentrum dieses Kreislaufs.

Eine eigene AV-App wäre möglicherweise sogar wertvernichtend

Interessant wird es, sobald sich diese Dynamik etabliert hat.

Angenommen, ein AV-Anbieter möchte nach einigen Jahren seine Nachfrage von Uber auf eine eigene App verlagern. Auf den ersten Blick klingt das attraktiv: Mehr Kontrolle über den Kunden, keine Plattformgebühren und eine größere Unabhängigkeit.

Ökonomisch könnte das jedoch ein schlechter Deal sein.

Der Anbieter würde möglicherweise höhere Plattformmargen gegen eine geringere Auslastung eintauschen. Gleichzeitig müssten Marketingausgaben steigen, die Nachfrage wäre fragmentierter, Wartezeiten könnten zunehmen und die Kundenerfahrung sich verschlechtern.

Die teure Flotte bleibt aber unverändert.

Mit anderen Worten: Der Anbieter würde höhere theoretische Kontrolle gegen schlechtere operative Kennzahlen tauschen.

Aus Sicht eines Kapitalgebers wäre das schwer zu rechtfertigen.

Der Datenvorsprung verstärkt den Moat

Hinzu kommt ein Effekt, der häufig unterschätzt wird: Skaleneffekte bei Daten und Marketplace Intelligence.

Je mehr autonome Fahrten über Uber abgewickelt werden, desto mehr lernt die Plattform über Nachfrageverläufe, optimale Routen, Stoßzeiten, Preiselastizitäten, Fahrzeugauslastung und lokale Besonderheiten.

Diese Informationen verbessern wiederum die Vermittlung und Preisgestaltung – was die Plattform effizienter macht und zusätzliche Nachfrage anzieht.

Der Wettbewerbsvorteil wird dadurch nicht linear, sondern potenziell kumulativ.

Ein AV-Anbieter, der irgendwann versucht, eine eigene Plattform aufzubauen, würde deshalb nicht auf Augenhöhe mit Uber starten. Er müsste nicht nur die Kundennachfrage neu gewinnen, sondern gleichzeitig einen erheblichen Daten- und Skalennachteil aufholen.

Auch der Kunde hat keinen Grund, Uber zu verlassen

Aus Sicht des Verbrauchers ist die Situation noch einfacher.

Dem Kunden ist es weitgehend egal, wem das Fahrzeug gehört oder wer den autonomen Fahrcomputer entwickelt hat. Entscheidend sind Preis, Verfügbarkeit, Wartezeit und Zuverlässigkeit.

Wenn Uber innerhalb weniger Minuten ein autonomes Fahrzeug zu einem attraktiven Preis bereitstellen kann und die gesamte Buchung über eine vertraute App läuft, gibt es für den Nutzer kaum einen Grund, auf eine separate AV-App zu wechseln.

Zumal diese möglicherweise weniger Fahrzeuge, längere Wartezeiten und eine geringere geografische Abdeckung bietet.

Damit entsteht ein selbstverstärkender Effekt:

Die Kunden bleiben bei Uber, weil dort das beste Angebot verfügbar ist.
Die AV-Anbieter bleiben bei Uber, weil dort die höchste Auslastung erzielt wird.
Und je mehr Fahrten über Uber laufen, desto stärker wird Ubers Plattformvorteil.

Das ist genau die Art von Netzwerkeffekt, die langfristig einen starken wirtschaftlichen Burggraben – einen Moat – erzeugen kann.

Autonome Fahrzeuge könnten Ubers Geschäftsmodell sogar noch attraktiver machen

Die eigentliche Investment-These lautet deshalb nicht, dass autonome Fahrzeuge Ubers Geschäftsmodell zerstören.

Sie lautet vielmehr:

Autonome Fahrzeuge könnten die Attraktivität von Ubers Geschäftsmodell erheblich steigern.

Denn mit jedem autonomen Fahrzeug, das in das Uber-Netzwerk integriert wird, wächst zunächst das Angebot innerhalb eines bereits bestehenden Marktplatzes.

Mehr Angebot kann zu höherer Verfügbarkeit führen, Wartezeiten reduzieren und die Preise für Kunden senken. Sinkende Preise wiederum können zusätzliche Nachfrage erzeugen.

Uber würde damit von einem zusätzlichen Angebot profitieren, ohne selbst die gesamten Kapitalkosten des autonomen Fahrzeugs tragen zu müssen.

Das ist aus Investorensicht ein äußerst interessantes Geschäftsmodell: Uber könnte den Übergang zum autonomen Fahren monetarisieren, ohne selbst sämtliche Kosten und technologischen Risiken der Fahrzeugentwicklung übernehmen zu müssen.

Fazit

Die Vorstellung, dass autonome Fahrzeuge zwangsläufig das Ende von Uber bedeuten, setzt voraus, dass die wichtigste Ressource künftig das Fahrzeug oder die autonome Technologie sein wird.

Ich halte für wahrscheinlicher, dass die entscheidende Ressource weiterhin die Nachfrage und die effiziente Orchestrierung dieses Marktes sein wird.

Und genau hier besitzt Uber einen erheblichen Vorsprung.

Autonome Fahrzeuge könnten daher weniger der Disruptor von Uber sein als vielmehr ein zusätzlicher Wachstumstreiber für die Plattform.

Uber muss möglicherweise nicht die Autos besitzen, um von ihnen zu profitieren. Es muss lediglich die Plattform besitzen, über die sie ausgelastet werden.

Je größer die autonome Flotte wird, desto wertvoller kann diese Plattform werden.

Autonome Fahrzeuge untergraben Ubers Geschäftsmodell damit nicht zwingend – sie könnten es vielmehr skalierbarer, kapitalleichter und langfristig noch profitabler machen.

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