Tabakkonzerne – Ein Phänomen am Aktienmarkt

Ich beneide die Berliner Kinder, die ich täglich sehe, um ihren kurzen Schulweg. Ich bin in der Provinz aufgewachsen. Unser Gymnasium war etwa 20 Kilometer vom Haus meiner Eltern entfernt. Nach Hause zu laufen kam also nicht infrage.

Auch gab es keine U-Bahnen, S-Bahnen oder Straßenbahnen. Es gab den Schulbus. Verpasste man ihn, dann hatte man ein Problem. Übrigens hatten wir damals, bevor ich 14 wurde, noch keine Handys. Die Eltern anzurufen war also schwierig.

Es kam häufig vor, dass wir ein bis zwei Stunden Zeit hatten zwischen Unterrichtsschluss und der Abfahrt vom Schulbus. Wir mussten also Zeit totschlagen in der Nähe der Schule. Die coolen Kids verkrochen sich in einer abgelegenen Ecke und rauchten.

Damals war Rauchen noch cool. 13-Jährige wurden zu Rebellen. Mutti, falls du diesen Artikel liest: Ich habe in meinem Leben weniger als 30 Zigaretten geraucht.

Ich habe das Gefühl, Rauchen ist in den letzten Jahrzehnten immer unpopulärer geworden. Je älter ein Film, den man sich ansieht, desto mehr haben die Schauspieler gequalmt.

Gestern saß ich zusammen mit 15 Finanzbloggern und Finanzbloglesern in einem Restaurant. Nur ein einziger Raucher war dabei und der musste sich zum Rauchen nach draußen verdrücken. Vor 20 Jahren wäre so etwas unvorstellbar gewesen. Vielleicht sind Finanzblogger auch einfach vernünftiger 😉

James Dean raucht Worauf will ich hinaus? Viele Anleger mit einer ähnlichen Strategie wie ich (Einzelwerte und eine möglichst lange Haltedauer) haben Aktien von Tabakkonzernen in ihren Depots. Es handelt sich um die Branche mit den höchsten Kurszuwächsen in den vergangenen 100 Jahren.

In den USA legten Tabakaktien von 1900 bis 2014 um 14.6% pro Jahr zu, während der Gesamtmarkt „nur“ um 9.6% pro Jahr stieg. In Großbritannien sieht es ähnlich aus (14.8% ggü. 9.4%). In 30 Jahren werden aus einmalig investierten 1.000 Euro bei 14.8% Verzinsung am Ende 63.000 Euro. Nach 40 Jahren sind es schon 250.000 Euro. Ist die Magie des Zinseszinses nicht unglaublich?

Dabei ist die Anzahl der in den USA verkauften Zigaretten vom Höhepunkt 1981 bis 2007 um satte 44% zurückgegangen. In Deutschland ging der Pro-Kopf-Verbrauch von 1966 bis 2011 um 52% zurück.

Die beliebteste Tabak-Aktie (Altria) hat ihren Kurs in den vergangenen 10 Jahren verdreifacht. Der Umsatz lag 2009 noch bei 16.8 Mrd. USD, 2015 bei 18.9 Mrd.

Uma Thurman rauchtWie ist das möglich in einer Zeit, in der Rauchen immer uncooler wird… in der die Tabaksteuern in die Höhe schießen… in der Raucher in Bars und Restaurants nach draußen geschickt werden… in der Tabakkonzerne zig Millionen an Schadensersatz zahlen müssen… in der Zigaretten aus Film und Werbung verbannt werden… in der jedes Kind weiß, wie schädlich das Rauchen ist… in der die Warnung vor Lebensgefahr direkt auf die Schachteln gedruckt wird?

Der Pro-Kopf-Konsum in den Industrieländern ist zwar rückläufig, doch allein die steigende Weltbevölkerung und der zunehmende Wohlstand in vielen unterentwickelten Ländern sorgen dafür, dass immer mehr Zigaretten verkauft werden. Die Sucht hält die Raucher bei der Stange (bzw. Fluppe) und starke Preiserhöhungen werden toleriert. Außerdem benötigt die Industrie bei Anwendung des sogenannten DIET-Verfahren weniger Tabak für die gleiche Anzahl an Zigaretten.

Der Tabakkonsum kann also auch für Nichtraucher zur wahren Freude werden. Übrigens auch für Dividendenjäger, denn häufig landet nahezu der gesamte Gewinn bei den Aktionären.

Zum Thema Rauchen kann ich übrigens auch zwei unterhaltsame Filme empfehlen: „Insider“ (einer meiner absoluten Lieblingsfilme) und „Thank You for Smoking“.

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4 Gedanken zu „Tabakkonzerne – Ein Phänomen am Aktienmarkt

  1. Rein rechnerisch machen manche Aktien durchaus Sinn, aber ich könnte das nicht mit meiner Moral vereinbaren. Man hat viele Möglichkeiten, seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Jeder soll mit seinem Leben machen, was er will. Rauchen gehört zu einem Hobby, was auch Mitmenschen belastet. Sei es die eigenen Kinder oder Mitmenschen in der Öffentlichkeit. Durch den Kauf von ETFs hat man durchaus ein paar schwarze Schafe automatisch im Depot, aber gezielt einzelne Schafe fördern möchte ich nicht. Wobei du rein analytisch betrachtet wie immer ziemlich durchdacht investierst. (Am liebsten mag ich bei dem Film Thank you for smoking das „TAG-Team“. Die Deutsche Übersetzung „Tödlich aber gut.“ ist besser als die Originalbezeichnung „Tobacco, Alcohol & Guns“)

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      • Das stimmt an sich. Aber ich will nicht auf den Erfolg von Unternehmen setzen, wenn ich selbst deren „Untergang“ erhoffe. In Deutschland hat sich die letzten Jahre immerhin schon was getan: Keine Glorifizierung mehr im Fernsehen, Rauchen ab 18, Ausweiskontrollen beim Verkauf, Rauchverbot in öffentlichen Räumlichkeiten.

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