Weder Covid-19, noch Black Lives Matter – worauf es bei der US-Wahl wirklich ankommt

Bei der US-Präsidentschaftswahl bekommt jeder der 50 US-Bundesstaaten eine bestimmte Anzahl an Wahlmänner-Stimmen („Electoral Votes“) entsprechend seiner Einwohnerzahl zugewiesen.

Der Kandidat mit den meisten Wählerstimmen erhält sämtliche Electoral Votes (EV) dieses Staates. Ab 270 EV ist man Präsident.

Somit ist es bspw. irrelevant ob der Kandidat der Demokraten in Kalifornien auf 60 oder 90 Prozent der Stimmen kommt.

Dieses System kann man für unfair oder undemokratisch halten. So ist es nun mal. Der Wahlkampf ist darauf abgestimmt. So kann sich hinterher auch niemand beschweren.

In 41 der 50 Bundesstaaten sicherte sich 2016 einer der beiden Kandidaten (Trump, Clinton) einen Vorsprung von mindestens 4 Prozentpunkten. Bleiben 9 Staaten übrig.

In Maine, Minnesota und New Hampshire führt Joe Biden in den Umfragen mit 15 bzw. 9 und 8 Prozentpunkten im Mittel über alle aktuellen Polls. Bleiben noch 6 Staaten:

  • Florida mit 29 Electoral Votes
  • Pennsylvania mit 20 EV
  • Michigan mit 16 EV
  • Wisconsin mit 10 EV
  • Nevada mit 6 EV
  • Nebraska mit 1 EV

Von diesen 82 EV benötigt Donald Trump mindestens 42, wenn man davon ausgeht dass er alle Staaten halten kann, die er 2016 mit mindestens 4% gewonnen hat, und alle Staaten verliert die er 2016 mit mindestens 4% verloren hat sowie die 3 angesprochenen Swing States mit deutlichem Rückstand in den Umfragen.

Dann würden zur Trump-Wiederwahl bspw. reichen:

  • Florida + Pennsylvania oder Michigan
  • Pennsylvania + Michigan + Wisconsin oder Nevada

Florida, Pennsylvania und Michigan sind also die absoluten Battleground States. Wie lief es dort 2016?

  • Florida gewann Trump mit 1,2% bzw. 113 Tsd. Stimmen Vorsprung, nachdem die letzten Polls vor der Wahl ausgeglichen waren mit +/- 0%. Aktuell führt Biden mit 2,0%.
  • Pennsylvania gewann Trump mit 0,7% bzw. 44 Tsd. Stimmen Vorsprung, nachdem Clinton in den letzten Polls mit 4% führte. Aktuell führt Biden mit 6,5%.
  • Michigan gewann Trump mit 0,2% bzw. 11 Tsd. Stimmen, nachdem Clinton in den letzten Polls mit 5% führte. Aktuell führt Biden mit 5,2%.
  • Wisconsin gewann Trump mit 0,8% bzw. 23 Tsd. Stimmen, nachdem Clinton in den letzten Polls mit 7% führte. Aktuell führt Biden mit 5,5%.

Die Zahl der Menschen, die die US-Wahl entscheiden, passt also bequem ins Ann Arbor Stadium der University of Michigan.

Werfen wir einen genaueren Blick auf diese Staaten.

Pennsylvania

  • Größte Städte sind Philadelphia und Pittsburgh.
  • 36% sind Mitglieder der Katholischen oder Evangelisch-Lutherischen Kirche.
  • 25% sind deutschstämmig.
  • Hier leben 80% Weiße, 11% Afroamerikaner, 6% Hispanics, 3% Asiaten.
  • Die Wirtschaftsleistung entspricht der der Türkei.
  • Das BIP pro Kopf ist höher als in Deutschland.
  • Wichtige Wirtschaftszweige sind Landwirtschaft, Eisen- und Stahlerzeugung, Erdöl & Eisenerz, Kohlebergbau und Viehzucht.
  • Der Republikaner Ronald Reagan konnte hier 2x deutlich gewinnen. Romney, McCain und Bush verloren hier zuletzt.
  • Die Zahl der Covid-Toten ist um 91% gesunken seit dem dortigen Höhepunkt im Mai.

Mit anderen Worten: Die Leute hier kümmern sich einen Dreck darum, was auf CNN läuft, was die New York Times schreibt, was Hollywood-Sternchen sagen, wie höflich der Präsident auftritt, wer das Pariser Klimaabkommen unterschreibt und was bei der „Ukraine-Affäre“ passierte. Auch Covid-19 hat man prima im Griff.

Wichtiger ist da schon dieses Bild, das zeigt: 2015 und 2016 wurden in guten Wirtschaftsjahren unter Obama massiv Stahlarbeiter entlassen. Als Trump Anfang 2017 den Job übernahm, ging es wieder bergauf.

Trump ist bekannt dafür, seine gesamte Energie aufzuwenden, dass möglichst viele Amerikaner einen Job haben, niedrige Steuern zahlen und sicher leben.

Die Leute in Pennsylvania sorgen sich weniger darum was auf dem Twitter-Profil des Commander-in-chief passiert als darum was sich auf den amerikanischen Straßen tut, wo radikale Mobs seit Monaten plündern, prügeln und morden, was der Demokratischen Partei auf dem 4-tägigen Parteitag keine Erwähnung wert war.

Michigan

  • Größte Stadt ist Detroit.
  • 24% sind Mitglieder der Katholischen, Evangelischen oder Lutheraner-Kirche.
  • 20% sind deutschstämmig.
  • Hier leben 77% Weiße, 14% Afroamerikaner, 4% Hispanics, 2% Asiaten.
  • Die Wirtschaftsleistung entspricht der Belgiens.
  • Das BIP pro Kopf ist etwa so hoch wie in Deutschland.
  • Wichtige Wirtschaftszweige sind Landwirtschaft, Bergbau, Stahl, Tourismus und natürlich die Automobilindustrie mit den Hauptsitzen von GM, Ford und Chrysler.
  • Der Republikaner Ronald Reagan konnte hier 2x deutlich gewinnen. Romney, McCain und Bush verloren hier zuletzt.
  • Die Zahl der Covid-Toten ist um 92% gesunken seit dem dortigen Höhepunkt im April.

Ähnliches Bild wie in Pennsylvania.

Die Leute wussten 2016 zu schätzen, was Donald Trump im Wahlkampf gesagt hat. Für Obama und H. Clinton waren das „Abgehängte“, die gefälligst ihren verlorenen 30$-Facharbeiterjob vergessen und sich mit dem neuen 15$-Dienstleistungsjob anfreunden sollen.

Handelsbeschränkungen für China und neue Abkommen mit Kanada und Mexiko hat Donald Trump nicht zum Spaß beschlossen, sondern weil bei ihm die amerikanischen Arbeiter an erster Stelle kommen.

Wisconsin

  • Größte Stadt ist Milwaukee.
  • 45% sind Mitglieder der Katholischen, Evangelischen oder Lutheraner-Kirche.
  • 41% sind deutschstämmig.
  • Hier leben 86% Weiße, 6% Afroamerikaner, 3% Hispanics und 2% Asiaten.
  • Die Wirtschaftsleistung entspricht der Dänemarks.
  • Das BIP pro Kopf ist höher als in Deutschland.
  • Wichtige Wirtschaftszweige sind Landwirtschaft (v.a. Milchprodukte) und Industrie (z.B. Harley-Davidson, Trek).
  • Der Republikaner Ronald Reagan konnte hier 2x deutlich gewinnen. Romney, McCain und Bush verloren hier zuletzt.
  • Covid-19 ist auch hier derzeit kein großes Thema. Die Zahl der Covid-Toten je eine Million Einwohner liegt bspw. 73% unter dem Wert Belgiens, 66% unter Spanien, 62% unter UK, 60% unter Italien. Auf die Einwohner hochgerechnet entspricht die Zahl der Covid19-Toten in Wisconsin etwa den Toten einer stärkeren deutschen Grippesaison. Man kann also davon ausgehen, dass es für die Menschen in Wisconsin derzeit weitaus wichtigere Themen die Heimat betreffend gibt.

Insgesamt ein ähnliches Bild wie in Pennsylvania und Michigan. Viele Biden-Shirts werden hier vermutlich nicht verkauft.

Florida

  • Größte Städte sind Jacksonville, Miami und Tampa. Auch Orlando, Fort Lauderdale und Tallahassee dürften den meisten Deutschen ein Begriff sein.
  • Etwa 27% sind Mitglieder der Katholischen oder Evangelischen Kirche und stellen damit auch in diesem Staat die größte Glaubensgemeinschaft.
  • Auch hier machen Deutschstämmige (12%) die größte Gruppe aus vor Iren, Engländern, Italienern, Kubanern und Puerto-Ricanern.
  • Etwa 51% sind Weiße, 26% Hispanics, 17% Afroamerikaner, 3% Asiaten.
  • Die Wirtschaftsleistung ist höher als in den Niederlanden.
  • Das BIP pro Kopf ist geringer als in Deutschland.
  • Wichtige Wirtschaftszweige sind Tourismus und Landwirtschaft (v.a. Zitrusfrüchte).
  • Bush gewann hier beide Wahlen. Obama ebenfalls.
  • Die Zahl der Covid-Toten ist um 52% gesunken seit dem dortigen Höhepunkt im August. Es dürfte verglichen mit anderen Swing States ein wichtiges Wahlthema werden.

Hier leben die Mütter, Väter, Großeltern, Ehepartner, Kinder und Freunde der Soldaten, die Trump aus Kriegsgebieten nach Hause geholt hat.

Wie in den anderen 3 Staaten wollte man 2016 auch hier keine Präsidentin Hillary Clinton. Ob Joe Biden bessere Chancen hat?

Abschreiben sollten man den Präsidenten nicht.

Fakt ist: Was die letzten Monate auf CNN lief und in der New York Times stand – geschweige denn in den deutschen Medien – hat NICHTS mit der Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun, die diese Wahl entscheiden werden.

 

9 Gedanken zu „Weder Covid-19, noch Black Lives Matter – worauf es bei der US-Wahl wirklich ankommt

  1. Eine schöne und übersichtliche Zusammenfassung. Dennoch natürlich keine News, denn dass die Swing States die Wahl entscheiden, ist schon seit vermutlich immer so.

    Ich habe ein paar Anmerkungen zum Artikel.

    1. Gleich im ersten Satz beschreibst du das Electoral College als System, wo jeder Staat Stimmen (Wahlmänner) „entsprechend seiner Einwohnerzahl zugewiesen“ bekommt. Das stimmt einfach nicht. Das Verhältnis Wahlmann pro Einwohner ist teilweise extrem verschieden unter den Staaten. So kommen in Wyoming (traditionell safe für die Republikaner) auf einen Wahlmann 187.000 Einwohner. Im Gegensatz dazu sind es in Kalifornien (seit den 90ern immer demokratisch) 677.000 Einwohner pro Wahlmann. Unabhängig vom EV-System, dessen undemokratischen Charakter du ja erwähnt hast, führt dieses Miss-Verhältnis dazu, dass die Stimmen der Bevölkerung faktisch nie repräsentativ umgesetzt werden.
    Damit dies so wäre, müsste, um im Beispiel zu bleiben, Kalifornien nicht 55 Wahlmänner haben, sondern 205. So aber hat das konservative Wyoming einen erheblich stärkeren Einfluss, als es haben dürfte.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Electoral_College#Verteilung_(2012%E2%80%932020)

    2. Deine Übersichten der einzelnen Staaten sind informativ und interessant. Die Schlussfolgerungen daraus scheinen jedoch aus dem Nichts zu kommen.

    Bsp. Pennsylvania: Aus den statistischen Angaben zu Religionszugehörigkeit, Abstammung, Wirtschaftsleistung oder Covid-Toten schließt du, dass sich die Menschen dort „einen Dreck darum kümmern“, was in landesweiten Medien läuft und dass sich ihr Präsident (als wichtigster und bekanntester Repräsentant ihres Landes) 4 Jahre lang weltweit als menschenfeindlicher Egomane offenbart?

    3. Ja, die von dir herausgearbeiteten Staaten waren 2016 die entscheidenden. Aber müssen sie das 2020 ebenfalls sein? Das ist ja deine Grundannahme im Artikel.

    – Florida: seit 1992 nur einmal über 4 Prozentpunkte Unterschied, hier kann man wohl sicher sagen, dass es knapp wird.
    – Pennsylvania: vor 2016 selten Swing State, Obama gewann hier mit 10 bzw. 6 Prozentpunkten Vorsprung, Clinton zweimal mit je 9.
    – Michigan: seit 1992 immer ein sicheres Ding für die Demokraten mit bis zu 17 Prozentpunkten Vorsprung. Erst 2016 wurde es mal wieder extrem knapp, was wohl in erster Linie am Desaster von Hillary liegen dürfte. Aber die tritt ja nicht erneut an.
    – Wisconsin: für Obama und Clinton eine klare Sache, Bush verlor nur hauchdünn, Trump gewann ebenso. Auch hier scheint der Fokus eher auf den Kandidaten und deren Persönlichkeit zu liegen.
    – Nevada: über Jahrzehnte erz-konservativ, seit 1992 enger. Wirklich knapp aber nur 1996 und 2016 (beide Male zugunsten der Demokraten). Ob es wieder knapp wird? Da wäre ich mir nicht sicher.
    – Nebraska: seit 1968 immer eine haushohe Mehrheit für die Republikaner. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das für jemanden wie Biden ändert, wenn es schon Obama nicht geschafft hat (der objektiv wohl deutlich charismatischer ist).

    Insgesamt lässt sich sicherlich sagen, dass es ein enger und spannender Wahlabend werden wird. Der Wahlkampf gleicht bis heute allerdings einem Zirkus mit der ersten TV-Debatte als vorläufigem Höhepunkt. Du hast es nach besagter Debatte auf FB ja selbst bereits gesagt, auch du hättest gerne einen dritten Kandidaten. Die Pensionäre im Spätherbst ihres Lebens sind beide als Präsident ungeeignet, Punkt. Warum es die Parteien nicht schaffen, vernünftige Kandidaten aufzustellen, das ist das eigentliche Kuriosum derzeit. Trump war 2016 ein Witz (muss als Amtierender Chef aber natürlich wieder nominiert werden), Biden ist es 2020.
    Das ganze ist einfach nur eine Lachnummer. Ich bin schon gespannt, wie genau Trump seine Covid-Erkrankung ausschlachten wird. Nicht auszuschließen, dass es diese gar nicht gibt und alles nur eine Wahlkampf-Taktik ist. Dem ist alles zuzutrauen.

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  2. Pingback: Das wurde woanders geschrieben – Woche 41/2020 › Fuseboroto.info

  3. Hallo Stefan
    Habe ich dich richtig verstanden dass du den Vanguard S&P 500 und Berkshire Hathaway als einzige Investitionen im Depot hast? Ich denke auch darüber nach nur den Vanguard s&p 500 ins Depot zu nehmen für die Altersvorsorge. Nun sagen viele das dies nicht ausreichend diversifiziert wäre was ich nicht verstehen kann da viele ja selbst nur 20-30 Aktien im Depot haben ? Ich habe mit Einzelaktien auch nicht die Nerven dies durchzuführen und denke wenn wir es unseren Kindern vererben dass es den S&P 500 in 100 Jahren noch geben wird einzelne Aktien aus dem S&P 500 jedoch nicht. Manchmal denke ich darüber nach auch einen world etf zu nehmen wobei dort viele Länder enthalten sein können welche Demokratie nicht allzu hoch hängen. Danke dafür das du mir ohne es zu wissen dabei geholfen hast einen entspannteren Weg in der Altersvorsorge ein zu schlagen.

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    • Hallo Ingo,

      genau, mein Portfolio besteht aus S&P 500 und Berkshire.

      Du wirfst Fragen auf, mit denen man ganze Bibliotheken füllen kann 🙂

      Ob S&P 500 oder MSCI World (also Industrieländer) oder noch breiter (z.B. Vanguard FTSE All-World), ist letztlich eher unwichtig.

      Wichtiger ist:
      – früh anfangen, damit der Zinseszinseffekt seine ganze Wirkung entfalten kann
      – buy & hold in allen Marktphasen (kein Ausstieg / kein Cash-Aufbau)
      – Kosten niedrig halten (Verhältnis Ordergebühren zu Investitionsbetrag)

      Viele Grüße

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