75 Jahre Buy & Hold – Die Geschichte von Grace Groner

Heute möchte ich euch die faszinierende Geschichte von Grace Groner erzählen.

Grace wurde im Jahr 1909 in den Vereinigten Staaten geboren, genauer gesagt in einer kleinen Bauerngemeinde in Lake County, Illinois. Damals hatte der Bezirk etwa 55.000 Einwohner.

Grace und ihre Zwillingsschwester Gladys wurden im Alter von 12 Jahren zu Waisen.
George Anderson, ein prominentes Mitglied der Gemeinde, entschloss sich, die beiden Mädchen bei seiner Familie aufzunehmen. Später adoptierte er sie, bezahlte für beide das Internat und später die Studiengebühren am nahe gelegenen Lake Forrest College.

Während der Großen Depression schloss Grace mit 22 Jahren ihr Studium ab. Danach begann sie, als Sekretärin beim Pharmaunternehmen Abbott Laboratories zu arbeiten. Dort blieb sie 43 Jahre lang bis zu ihrer Pensionierung.

Einige Jahre lebte Grace zusammen mit Ann Findlay, einer älteren Verwandten von George Anderson, in einer kleinen Wohnung in dem Gebäude des Lake Forest Kinos, das der Anderson-Familie gehörte.

Grace hat nie geheiratet oder Kinder bekommen, hatte dank ihrer geselligen Persönlichkeit aber stets Menschen um sich herum, denen sie etwas bedeutete. Sie hatte viele Freunde.

Sie zog in ein kleines Haus, das ihr ein Freund vererbte. In das Schlafzimmer passte kaum mehr als ein Doppelbett und eine Kommode. Das Wohnzimmer war kleiner als die Badezimmer auf ihrem College im reichen Vorort. Das Haus war bestückt mit ein paar schlichten Möbeln, Geschirr und einem Fernseher.

 

 

Im Jahr 1935 im Alter von 26 Jahren traf Grace eine Entscheidung, die ihre finanzielle Zukunft sichern sollte. Sie kaufte 3 Aktien je 60 Dollar von der Firma, in der sie seit 4 Jahren als Sekretärin arbeitete. 180 Dollar klingen nicht nach besonders viel, würden heute jedoch unter Berücksichtigung der Inflation einer Investition von mehr als 3.000 Dollar entsprechen –  eine Stange Geld für eine Sekretärin während der Großen Depression.

Nachdem sie die Weltwirtschaftskrise überstanden hatte, blieb sie sparsam. Sie hatte nicht die materiellen Bedürfnisse vieler Menschen in ihrer Umgebung. Lake Forrest, eine der reichsten Städte Amerikas, war voll von herrschaftlichen Anwesen, doch Grace hatte kein Bedürfnis danach, mit ihren Nachbarn Schritt zu halten. Sie lebte bescheiden und reinvestierte ihre erhaltenen Dividenden in weitere Aktien ihrer Firma.

Sie besaß nie ein Auto, lernte nie zu fahren. Sie zog es vor, zu Fuß zu gehen, selbst im hohen Alter.

Geizig war sie nicht. Sie liebte das Reisen, auch ohne eigenes Auto. Sie arbeitete ehrenamtlich bei ihrer örtlichen Kirche und spendete ihrer Gemeinde und ihrer Hochschule anonym Geld über ihren Pfarrer und ihren Anwalt. Menschen, die sie kannten, bezeichneten sie als eine der nettesten älteren Damen, die es gibt.

Auch Sport begeisterte sie. Noch im hohen Alter besuchte sie die Footballspiele ihrer alten Universität.

Ihre Zwillingsschwester Gladys verstarb im Jahr 2007.
Im Jahr darauf gründete Grace eine Stiftung, die nach ihrem Tod ihr Vermögen erhalten sollte.

Grace verstarb am 19. Januar 2010 im Alter von 100 Jahren.

Ihr Aktienvermögen stieg dank des Zinseszinseffekts und der reinvestierten Dividenden auf über 7 Millionen Dollar. Die Zahl ihrer Aktien ist durch unzählige Aktiensplits und reinvestierte Dividenden exponentiell angestiegen.

Abbott Laboratories zahlt seit 377 Quartalen ununterbrochen eine Dividende an seine Aktionäre, hat diese seit 45 Jahren ununterbrochen in jedem Jahr erhöht.

In ihrem Testament drückte sie ihren Wunsch aus, dass die jährlichen Dividenden von 250.000 Dollar (Tendenz: steigend) aus ihrer Stiftung den Studenten ihrer alten Universität zugutekommen sollten, indem unabhängige Studien, Auslandspraktika, internationale Projekte und Stipendien für Pharmazie-Studenten finanziert werden.

Ihr altes Zuhause wurde von ihrer Stiftung renoviert. Es wird als neues Zuhause für Studentinnen ihrer alten Hochschule genutzt, die bedeutende Beiträge für die College-Gemeinde geleistet haben und ein Stipendium erhielten.

Heute sind die Dividendenzahlungen aus dem Nachlass von Grace Groner auf 300.000 Dollar pro Jahr angewachsen. Zahlreiche Studenten profitieren davon.

Es ist bewundernswert, wie großherzig die Lady war und wie bescheiden sie lebte, um unzähligen anderen ein besseres Leben zu ermöglichen. Ihre Geschichte wurde in der Los Angeles Times, der Huffington Post, auf NBC News und auf unzähligen Blogs im Internet erzählt und wird sicher viele Menschen inspirieren.

Sie wuchs vom 13. Lebensjahr an ohne Eltern auf, überstand 2 Weltkriege, die Große Depression und zahlreiche Rezessionen. Sie lebte demütig und spendete riesige Geldbeträge, ohne je Dankbarkeit dafür erlebt zu haben. Sie wusste, was sie geleistet hat.

Was für ein Vorbild. Was für eine Heldin.

 

Kurz nachgerechnet:

Um eine Anfangsinvestition von 180 Dollar innerhalb von 76 Jahren in 7 Millionen Dollar zu verwandeln, ist eine Rendite von knapp 15 Prozent pro Jahr nötig. Das halte ich nicht für ausgeschlossen im Fall von Abbott Laboratories – einem Unternehmen mit einem heutigen Börsenwert von 114 Milliarden Dollar (also mehr als jedes deutsche Unternehmen mit Ausnahme von SAP) und des abgespaltenen Unternehmens Abbvie mit einem heutigen Börsenwert von 143 Milliarden Dollar. Zusammen sind beide Unternehmen mehr wert als Daimler, Volkswagen und BMW zusammen.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Grace noch ein wenig mehr investiert hat als die anfänglichen 180 Dollar plus Dividenden.

Nebenbei bemerkt: Der S&P 500 Total Return Index der 500 größten börsennotierten US-Unternehmen stieg von 1926 bis 2017 um 10,3 Prozent pro Jahr.

 

Meine Gedanken und Learnings zum Leben von Grace Groner:

 

  • Um eine solche Geschichte zu ermöglichen, muss man im richtigen Land leben. Bei meiner Oma war 54 Jahre lang nicht an Aktienbesitz zu denken – zuerst 9 Jahre unter nationalsozialistischer Diktatur, später 4 Jahrzehnte unter kommunistischer Ein-Parteien-Diktatur. Meine Oma zahlte mit 4 verschiedenen Währungen (Reichsmark, DDR-Mark, D-Mark, Euro). Grace Groner kannte nur den US-Dollar und nur eine lupenreine Demokratie.

 

  • Als Grace Groners kleiner Schneeball schon zur unaufhaltbaren Zinseszins-Lawine wurde, war Deutschland noch ein Dritte-Welt-Land, was Unternehmensbeteiligungen anging. Als der DAX 1987 ins Leben gerufen wurde, wurden Grace bereits 200 Quartale lang Dividenden ausgeschüttet. Und nicht einmal heute im Jahr 2018, also 92 Jahre nachdem Abbott seine allererste Quartalsdividende zahlte, schaffen es deutsche Unternehmen nicht, quartalsweise statt jährlich Dividenden zu zahlen. Ein Armutszeugnis.

 

  • Auch in ihrer Kindheit hatte sie das Glück, nach dem frühen Tod ihrer Eltern nicht im Waisenhaus leben zu müssen, sondern von einer reichen Familie aufgenommen zu werden.

 

  • Sein gesamtes Vermögen in einem einzigen Unternehmen zu halten, ist nicht klug. Auch hier hatte sie riesiges Glück, auch wenn sie vermutlich recht früh von einer drohenden Insolvenz erfahren hätte (zumindest bis zu ihrer Pensionierung 1974). Klüger ist es, Investitionen in Aktien über viele Unternehmen zu streuen, was heute zu extrem niedrigen Gebühren möglich ist.

 

  • Es zeugt von einer ungeheuren emotionalen Stärke, eine Aktieninvestition 75 Jahre lang unangetastet zu lassen.

 

  • Grace lebte nie „auf Pump“. Konsumschulden waren ihr gesamtes Arbeitsleben hindurch ein Fremdwort für sie.

 

  • Nicht der „Lifestyle-Inflation“ zu unterliegen, ist der Schlüssel zum Vermögensaufbau. Grace durchlebte die Große Depression und lebte auch anschließend jahrzehntelang in bescheidenen Verhältnissen, obwohl ihre Dividenden mit der Zeit geradezu explodierten (Zinseszinseffekt). Und ich kann nur jedem empfehlen, nach der Ausbildung bzw. nach dem Studium und nach jeder Gehaltserhöhung nicht den gesamten Einkommenszuwachs in Konsum zu stecken, sondern immer einen Teil davon in Produktivkapital anzulegen, damit es wachsen kann. Ich selbst habe den Schalter 2015 umgelegt und die Konsequenzen seht ihr in der folgenden Grafik. Dabei vermisse ich rein gar nichts, war nie glücklicher als jetzt, habe in den letzten 3 Jahren New York, Kalifornien, Italien und Schweden besucht.

 

  • Grace hatte keine Lust auf das permanente Wettrennen mit den Nachbarn um das teuerste Auto, das größte Haus und den luxuriösesten Urlaub. Ob ihre Nachbarn glücklicher waren, dahinter setze ich ein dickes Fragezeichen.

 

  • Grace wusste, wie man schwer arbeitet, aber auch, wie man Geld für sich arbeiten lässt.

 

  • Fun Fact: Bereits 2016 schrieb ich auf meinem Blog über Grace Groner, ohne es zu wissen. In meinem Beitrag „Warum ich Investieren liebe“ zitierte ich Morgan Housel mit den Worten: „Welches andere Spiel kennst du, in dem eine Sekretärin, die als Waise aufgewachsen ist, auf dem Land lebte und nie ein Auto besessen hat, mit einem Vermögen von 7 Millionen US-Dollar stirbt? Und das in dem selben Jahr, in dem ein Manager, der einen MBA von einer Ivy League Universität hat und das größte Finanzberatungsnetzwerk leitet, pleitegeht? Keines. Du kennst keines.“

 

Abschließend noch ein Foto von Grace und ihrer Schwester Gladys. Mögen sie in Frieden ruhen.

 

 

15 Gedanken zu „75 Jahre Buy & Hold – Die Geschichte von Grace Groner

  1. Ich liebe solche Geschichten! Menschen die gezeigt haben, wie mächtig der Zinseszins wirklich über die Zeit werden kann.

    Wenn jemand über seine Investitionen, die er vor 10 Jahren getätigt hat, schreibt, dann ist es vielleicht etwas motivierend.
    Aber solche Geschichten, die 8 Jahrzehnte umfassen sind einfach unbezahlbar und extrem motivierend.

    Auch deine Learnings hast Du gut zusammengefasst: Nicht in jedem Land war es möglich, so eine Rendite zu erzielen.

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  2. Das sind Geschichten die in jedem Ohr wie ein Zauber klingen. Da sieht man auch gut das verkaufen eigentlich keine Option ist, sondern Kaufen, vergessen und seine eigene Geschichte schreiben.

    Gute zusammengefasste Punkte und Gedankengänge.

    Grüße
    Sanja

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  3. Das motivierende ist wirklich, dass man mit kleineren Investments (selbst bei 1000€ Pro Position und 20 Unternehmen) einfach riesige Summen erwirtschaften kann, wenn man der ganzen Sache einfach Zeit gibt und den Schneeball zur Lawine anwachsen lässt.

    Ich glaube 20.000€ werden die meisten investieren können über gewisse Zeiträume und wenn man zu den glücklichen gehört, die mit Anfang 30 vlt sogar schon 6-Stellig investiert haben, können eigentlich nur noch alles kaputt machen, wenn sie ihre Investments wieder verkaufen…..liegen lassen, vergessen und die Dividenden in alte oder neue günstige Gelegenheiten investieren. Fertig. Schon langweilig eigentlich 🙂

    -M

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  4. Vielen Dank für diesen Beitrag – ich kannte die Geschichte noch nicht.

    Sehr rührend, bewegend, respekt respekteinflößend und bewunderswert.

    (M)Eine Anmerkung:

    Der reichste auf dem Friedhof macht als Lebensziel aber irgendwie auch keinen Sinn, oder?

    Eventuell für Nachkommen – wenn man das als seine persönliche, löbliche, selbstlose und sehr ehrenwerte Lebensaufgabe ansieht.

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  5. Das richtige Lebensziel.Ich glaube nicht dass es ihr um den Reichtum ging. Viele meinen das sei das erstrebenswerte. Ich glaube ihr war die Unabhänigkeit wichtig was eigentlich auch mein Ziel ist. So dass ich jeder Zeit aufhören kann zu arbeiten und von niemanden abhängig bin. Dass ich keinem Zwang unterliege irgendetwas zu tun was ich nicht möchte. Dazu braucht man nicht zig Milionen. Wenn ich so 2500 im Monat komme ist das volkommend ausreichend. Glücklicher ist man meist nicht und wenn der Chef Druck macht kann man Nein sagen.

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  6. Wenn man sich fragt wie groß Frau Groners Depot im Jahr 1974 war, so kommt man durch eine Rückrechnung mit 15% auf einen Betrag von ca. US$ 45,0. Das klingt zunächst nach nicht so viel, hatte damals aber eine wesentlich höhere Kaufkraft. Ein VW Käfer / Beetle kostete 1974 um US$ 2.000,00. Also besaß Frau Groner zum Zeitpunkt ihrer Pensionierung ein Depot im Gegenwert von 20 Kleinwägen oder nach heutigen Preisen ca. EUR 300.000,00. Daß dieses in Jahrzehnten so gewachsen ist hängt einerseits daran, daß sie auf die richtige Aktie gesetzt hat: nur ca. 4% aller amerikanischen Aktien der letzten 90 Jahre sind richtige Überflieger, die meisten Gesellschaften existieren gar nicht so lange. Zudem der Thesaurierungseffekt in 36 Jahren Ruhestand, fast so lange wie ihr Arbeitsleben von 43 Jahren zuvor. Auch war es klug, nach dem Ruhestand sparsam weiterzuleben da beispielsweise das amerikanische Sozialversicherungssystem nicht generös ist und im Falle einer schweren Erkrankung hohe Eigenbeteiligungen zu leisten sind. Insofern ist sie richtig reich in Form einer Dollarmillionärin wohl erst nach ihrem 80. Lebensjahr geworden zu einem Zeitpunkt, wo ihr dieses Vermögen im wesentlichen die Sicherheit gegeben hat, sich gegebenfalls alle notwendige ärztliche Versorgung und Pflege leisten zu können.

    Vielleicht findet jemand den Depotstand zum Zeitpunkt Ihres Ruhestands 1974 im Internet?

    Außerdem muß man wissen, daß sich amerikanische Staatsanleihen / US Treasuries um 1982 mit 14% verzinsten: https://fred.stlouisfed.org/data/GS10.txt

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      • Hier ein Artikel in dem steht, daß das Depot 1974 ca. US$ 75.000,00 wert war.

        Um das Jahr 1987 war sie schließlich Millionärin mit 78 Jahren:

        https://www.dividendgrowthinvestor.com/2020/09/how-grace-groner-turned-180-in-7.html

        Die Firma Abbott hat sich 2012 in Abbvie und Abbott Laboratories aufgeteilt. Für jede Aktie der alten Abbott Gesellschaft erhielten die Anleger einen Anteil an Abbvie und einen Anteil an Abbott Laboratories.

        Unangetastet hatte dieses Depot im Jahr 2020 einen Wert von US$ 25,0 Mio. mit jährlichen Dividendeneinkünften in Höhe von US$ 0,8 Mio.

        Es wird in dem Artikel erwähnt, daß all dies nicht möglich gewesen wäre, wenn Grace Groner Mitarbeiterin beispielsweise von Enron gewesen wäre. Ferner sieht man an dem logarithmischen Schaubild des Artikels gut den gewaltigen (x 100) Kurszuwachs von Abbott in den 80er und 90er Jahren nach dem Absinken während der ersten Ölkrise 1974.

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        • Wir entfernen uns gerade sehr stark von den Kernaussagen meines Beitrags bzw. den Learnings aus der Geschichte.

          By the way..
          wenn du mir suggerieren willst, dass du 7 verschiedene Leser repräsentierst, solltest du auch 7 verschiedene IP-Adressen benutzen. Ansonsten wird schnell klar, dass du als Maik, Nicolai, Lars, Klaus, Thomas, Marcel und Heinz kommentierst.

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  7. Eine wundervolle Geschichte und auch ein wundervolles Vorbild. Ich frage mich manchmal was am Ende aus dem „Reichtum“ wird, den ich anhäufen werde. Werde ich ihn vollkommen meinen Kindern überlassen, wenn ich welche haben werde?

    Ihre Idee, das Geld in eine Stiftung zu stecken und damit Studenten zu fördern finde ich wirklich hervorragend und inspirierend!

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