Unkraut gießen, Blumen ausreißen?

686 Tage lang war ich (Mit-)Eigentümer von Cancom und Tyson Foods. Diese aufregende Reise ist gestern zu Ende gegangen.

Darüber freut sich besonders ein gewisser Herr Schäuble, denn die von mir gezahlte Kapitalertragssteuer war nicht unerheblich.

Doch auch ich bin zufrieden, denn selbst nach Abzug von Gebühren und Steuern bleibt mir eine Rendite von 68% (Cancom) bzw. 39% (Tyson Foods) auf mein investiertes Kapital. Nicht schlecht für knapp 2 Jahre.

In der folgenden Grafik sind meine je 2 Käufe und Verkäufe von Cancom grafisch veranschaulicht. Man könnte von nahezu perfekt gewählten Kauf- und Verkaufsentscheidungen sprechen und mich für meine Fähigkeiten loben. Ich nenne es Glück. Jemand kann vielleicht ungefähr den fairen Wert einer Aktie abschätzen, doch niemand – auch nicht Mr. Buffett – würde ernsthaft behaupten, er könne vorhersagen, dass der Markt diese Unterbewertung innerhalb der nächsten 23 Monate ausgleicht.

Cancom

Wer mich kennt, der weiß: Bei einer Verkaufsentscheidung ist mir der aktuelle Kurs einer Aktie völlig egal. Ich verkaufe, wenn ich die Überzeugung verliere, dass das Unternehmen langfristig ein gutes Investment ist. Ob ich im Falle von Cancom und Tyson Foods die Weisheit von Peter Lynch berücksichtigt habe, der sagt, ein Investor solle „die Blumen gießen und das Unkraut vernichten und nicht umgekehrt“, überlasse ich eurem Urteil.

Euch kann ich nur versuchen zu erklären, was mich zu meiner Entscheidung geführt hat.

 

Fall 1 – Cancom

Seit 5 Jahren arbeite ich in der IT – mittlerweile bereits beim dritten Unternehmen, bei dem ich nun seit 3 Jahren tätig bin.

Seit 5 Jahren spreche ich also täglich stundenlang mit IT-Mitarbeitern über IT-Themen. In all diesen Jahren kam es kein einziges Mal vor, dass jemand das Unternehmen Cancom erwähnt hat oder irgendeines von dessen Produkten/Dienstleistungen. Und wir sprechen hier von einem deutschen Unternehmen!

Kein gutes Zeichen, oder?

Cancoms Wachstum der letzten Jahre wurde vor allem durch die Cloud Solutions getrieben. Cancom ist hier allerdings ein winziger Guppy im Haifischbecken – zusammen mit Weißen Haien wie Amazon, Microsoft, IBM und SAP – den Top4 in Sachen Cloud. In anderen Bereichen muss man sich zusätzlich mit anderen Dickschiffen wie z.B. Oracle messen.

Cancoms Klaus Weinmann und sein Team haben sich in den letzten 20 Jahren zwar hervorragend geschlagen, Cancom erfüllt jedoch meine immer strenger werdenden Anforderungen an ein Investment nicht mehr. Neben hohen Marktanteilen ist hier die Profitabilität als Kriterium zu nennen. Die Margen sind lausig, was kein Wunder ist bei dieser Konkurrenz. Hinzu kommt, dass die Cash Flows enormen Schwankungen unterworfen sind.

Um überhaupt weiterhin einen Platz im Haifischbecken zu haben, musste Cancom in den letzten Jahren mehrere Kapitalerhöhungen durchführen. Die Anteile der Altaktionäre wurden somit gesenkt. Welcher Aktionär sieht so etwas gern? Hinzu kommt, dass die Dividende in den Jahren 2016 und 2017 nicht erhöht wurde.

Diese Maßnahmen müssen nicht zwangsläufig schlecht sein für langfristig orientierte Anleger. Dennoch sind mir Unternehmen lieber, die solch enorme operative Cash Flows generieren, dass sie hieraus alle Ausgaben (Investitionen in weiteres Wachstum; steigende Dividenden; Aktienrückkäufe) decken können. Einen dafür nötigen Burggraben kann ich nicht ansatzweise erkennen.

 

Fall 2 – Tyson Foods

Gern würde ich den ethischen Investoren unter euch sagen, dass ich verkauft habe, weil Tyson Foods jede Woche 40 Millionen Hühner produziert. Dabei müsste ich jedoch lügen.

Knapp 2 Jahre lang war ich absolut begeistert von der immensen Steigerung der Profitabilität, die auch der Hauptgrund für die Kurs-Rallye gewesen ist (zwischenzeitlich war ich über 70% in der Gewinnzone). Die inzwischen 3 Jahre andauernde Umsatz-Stagnation war mir dabei egal.

Wie immer lohnte sich nun ein Blick ins Detail. Die so genannte Cogs Rate lag im Jahr 2014 noch bei 93%. Cogs bedeutet Cost of Goods. Es handelt sich also um direkte Herstellungskosten. Im Falle von Tyson Foods sind dies vor allem Futtermittel.

Von 100 Dollar an Umsatz gingen 93 Dollar für Futter etc. drauf. 7 Dollar blieben übrig für Vermarktung/Vertrieb, Verwaltung/Personal, Infrastruktur, Forschung/Entwicklung, Zinsen und letztlich blieben – nach Steuern – noch ein paar Krümel für Aktionäre wie mich übrig. Genauer gesagt wurde 1% des 2014er Umsatzes für Dividenden und Aktienrückkäufe verwendet.

Die Cogs Rate wurde seitdem auf 87% gesenkt, allerdings nicht durch die starke Marktstellung und damit Verhandlungsmacht, sondern eher aufgrund der normalen Preisentwicklung. Daraufhin explodierte die Aktie – trotz Umsatzstagnation.

Muss ich das noch weiter ausführen? Wer meine Unternehmensanalysen kennt, der weiß, dass ich an dieser Art von Unternehmen nicht beteiligt sein möchte. Wer 9 Dollar an seine Lieferanten zahlt und dann nicht in der Lage ist, sein Produkt oder seine Dienstleistung für mehr als 10 Dollar anzubieten, der hat in meinem Portfolio nichts verloren.

Sehe ich mir die Geschäftsentwicklung der letzten 20 Jahre an, so muss ich feststellen: Die Tyson-Aktie ist zu Recht die Aktie mit der schwächsten Kursentwicklung in den vergangenen 20 Jahren unter allen 18 Unternehmen, an denen ich bis gestern beteiligt war. Darunter waren Zeiträume von 13-14 Jahren mit negativer (!) Rendite. Das ist inakzeptabel vor dem Hintergrund des eingegangenen Risikos.

Warum bin ich dann überhaupt eingestiegen, wird der eine oder andere fragen. Tyson Foods gehört (wie Cancom) zu den allerersten Aktien, die ich mit langfristiger Absicht gekauft habe. Damals war ich noch auf beiden Augen blind.

Der letzte Überlebende aus dem Herbst 2015 in meinen Portfolio ist nun Continental. Mit dieser Beteiligung schlafe ich allerdings wie ein Baby.

Ich erwarte Kritik von euch, denke aber auch, dass wir alle in den ersten 3 Börsenjahren einige Fehler begangen haben, diese korrigiert und daraus gelernt haben. Ich bin mir auch sicher, dass ich in 2018/2019 weitaus seltener auf den Verkaufsknopf drücken werde als 2016/2017.

Übrigens hat auch Warren Buffetts Beteiligungsgesellschaft sich zuletzt von zahlreichen Positionen getrennt. (Berkshire Q4/16) (Berkshire Q3/16) (Berkshire Q2/16)

 

Und nun?

Die beiden Positionen waren groß genug, um Kapital für 3 bis 4 neue Käufe freizusetzen. Ich halte meine Augen offen nach seltenen, schnellen Elefanten. Schnellschüsse wird es aber nicht geben. Und wie immer sind auch Nachkäufe bestehender Positionen absolut im Bereich des Möglichen.

Warren Buffett Cash

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11 Gedanken zu „Unkraut gießen, Blumen ausreißen?

  1. Wenn man von einem Unternehmen nicht mehr überzeugt ist, dann verkauft man, fertig. Wenn man dafür Kritik erntet, dann sollte das einem egal sein. Du schreibst doch selber, das Unkraut soll weg…also würde ich jetzt schauen, welche Aktien in deinem Depot deine absolute top 3 sind und ob dort ein nachkauft lohnt vom aktuellen Preis. Nur wenn du bei deinen aktuellen Positionen keine Unterbewertung findest dann würde ich nach einem neuen Zukauf suchen.

    Grüße
    -M

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  2. Ich finde nicht dass es was zu kritisieren gibt. Du hast Aktien, die in der Zeit besser performt haben als du langfristig erwarten kannst. Die Marktreaktion ist also überzogen, und du hast recht gewinne mitzunehmen und in Aktien mit langfristig höherer Qualität zu investieren.

    Im it Bereich könnte vielleicht Constellation Software deinen Geschmack besser treffen, hast du die schon einmal angeschaut?

    Lg Tobi

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  3. Hi Stefan,

    sagt dir American Water Works etwas? Tolles Unternehmen und stinklangweilige, aber zunehmend wichtiger werdende Branche mit Burggraben. Falls dich AWW interessiert, ich würde mich über eine von deinen tollen Analysen freuen.

    VG Denis

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  4. Warum sollte dich jemand kritisieren? Du hast dich entschlossen, dass du verkaufen willst. Das ist deine Entscheidung und erfreulicherweise mit Gewinn. Letztlich musst du dich mit deinem Depot wohl fühlen und nur das zählt. Ich habe nicht nur in den ersten 3 Jahren „Fehler“ gemacht, sondern in den letzten 20 Jahren.

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  5. Mit dem, was du in den letzten drei Jahren gelernt hast, bist du der Masse meilenweit voraus. Da ich dich und dein Handeln, deine Ideen und Vorgehensweisen im persönlichen Gespräch kennen gelernt habe, weiß ich: Du bist auf einem ausgezeichneten Weg.

    Auf deinem jetzigen Level war ich nach drei Jahren definitiv nicht. Das Ausmisten gehört in jedem Fall dazu. Es kommt aber auf die Beweggründe an. Bei dir alles fundiert. Bei anderen gerne auf Ratschlag anderer…. Hin und Her ohne Sinn und Verstand.

    Ich tue mich Monat für Monat schwer mit der Frage: Neue – aussichtsreiche – Unternehmen ins Boot holen oder bereits bestehende Topwerte aufstocken.

    Aktuell: Walgreen Boots als nächsten neuen DivChampion oder lieber J&J für eine ordentliche Dividende, wo ich weiß, was ich bekomme?

    Oder doch Tractor Supply…… ? 😉

    Mach weiter so, Stefan!

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  6. Hi,

    Warum sollte man jemanden kritisieren, der sich seine Verkaufsentscheidungen so gründlich überlegt und nicht – wie sicher viele andere – einfach aus dem bauch heraus entscheiden?

    Wie hältst du es mit Netflix oder Tesla? Netflix ist von den Q2-Zahlen natürlich extrem stark gewesen, aber dementsprechend auch teuer, Tesla gibt es ein wenig billiger als zuvor und wenn man sich das Hörbuch von Elon Musk anhört, will man dem Mann eigentlich sofort sein Erstgeborenes mitdazugeben.

    Freue mich auf deine Antwort Stefan!

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    • Hi,

      ich habe bislang nur einen flüchtigen Blick in Bilanz, GuV und Kapitalflussrechnung von Netflix und Tesla geworfen. Ich versuche mal, deine Frage zu beantworten, ohne näher auf Geschäftsmodelle und Wettbewerb der beiden Unternehmen einzugehen.

      Wenn ich einen Blick auf mein Portfolio werfe, dann sehe ich ausschließlich Unternehmen, die
      – eine gesunde Bilanz aufweisen (hohe Eigenkapitalquote, vernünftige Liquidität 3. Grades, vernünftiger Anteil langfristiger Schulden, vernünftiger Anteil Goodwill usw.) und aufgrund dieser gesunden Bilanz in der Lage sind, Fremdkapital zu niedrigen Zinssätzen aufzunehmen und die kommenden Rezessionen unbeschadet zu überstehen und ggf. sogar gestärkt daraus hervorzugehen, wenn finanziell schwächer aufgestellte Wettbewerber Probleme bekommen
      – eine hohe interne Verzinsung auf Kapital und Umsatz aufweisen, insbesondere in Relation zu den wichtigsten Wettbewerbern
      – organisches Umsatzwachstum von 3% bis 16% pro Jahr verzeichnen sowie gute Wachstumsperspektiven
      – stetig steigende Cash Flows
      – stetig steigende interne Verzinsung auf Kapital und Umsatz (Return on Sales, Return on Assets)

      Zudem besitzen fast alle
      – ein einfach zu verstehendes, schwierig zu kopierendes Geschäftsmodell
      – starke Marken mit hoher Marktmacht (Marktführerschaft oder zumindest Platz 2)
      – Anreizmodelle für das Management, langfristig im Sinne der Aktionäre zu handeln (bspw. durch große Aktienpakete oder auch durch Bonusmodelle die auf den richtigen Kennzahlen beruhen)

      Mit derartigen Unternehmen fühle ich mich wohl. Analysen von Wachstumsraketen mit >20% jährlichem Umsatzwachstum und ggf. sogar negativen Buchgewinnen bzw. negativen Cash Flows sind außerhalb meines „circle of competence“. Davon abgesehen finde ich die Bestimmung eines fairen Preises hier umso schwieriger.
      Zu meiner Abneigung gegenüber Investitionen in Automobilhersteller hatte ich ja vor 5-6 Wochen etwas geschrieben: https://stefansboersenblog.com/2017/06/10/daimler-aktie/

      Ich hoffe das genügt als Antwort.

      Viele Grüße Stefan

      PS: Warren Buffett drückte es folgendermaßen aus: „The worst sort of business is one that grows rapidly, requires significant capital to engender the growth, and then earns little or no money.“

      Gefällt 1 Person

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