Stericycle – Vom Fels ist nicht mehr viel übrig

Warren Buffett rät, in Unternehmen zu investieren, die ein Idiot führen kann, da „dies jederzeit passieren kann“.

In den vergangenen Monaten musste ich schmerzlich erfahren, dass Stericycle nicht zu diesen Unternehmen gehört. Seit 1993 wurden mehr als 400 kleine Firmen übernommen. Alles was aufmuckte wurde aufgekauft. Doch die Auswahl der Akquisitionen hat sich in den letzten Jahren erheblich verschlechtert.

Vor zwei Stunden wurde der Geschäftsbericht veröffentlicht – erneut eine Enttäuschung. Das Management scheint eine miese Entscheidung nach der anderen zu treffen.

Ich schreibe diesen Artikel auch, weil nach den letzten Quartalsberichten viele Besucher meinen alten Stericycle-Artikel aufgerufen hatten.

Vor sieben Monaten betitelte ich meinen Kauf mit „Der Fels in der Brandung“ (hier der Link zum Artikel). Stericycle glänzte jahrelang mit konstant hohen Wachstumsraten und einer beeindruckend geringen Schwankung des Aktienkurses. Rezessionen waren im Kursverlauf nicht zu entdecken. Der Marktanteil war und ist beeindruckend.

Davon ist nicht mehr viel übrig. Umsatzrendite und Kapitalrendite sind auf 10-Jahres-Tiefs gefallen. Die Aktie wird so tief gehandelt wie zuletzt 2010/2011.

Einer der womöglich größten Fehler war 2015 die teure Übernahme von Shred-It – einem der weltweit größten Dienstleister für die Vernichtung von Akten.

Stericycle entsorgt medizinische Abfälle. Warum diese Übernahme? Vor einiger Zeit hieß es von Seiten des Managements, die für 2016 erwarteten Synergie-Effekte werden erst 2018 eintreten. Ah ja. Im Wertpapier-Forum fragte ein User zynisch: „Hätte man statt der Milliarden-Übernahme nicht einfach ein paar große Shredder kaufen können?“

Im letzten Bericht vor drei Monaten musste man sich dafür entschuldigen, falsche Zahlen veröffentlicht zu haben aufgrund von Accounting-Fehlern. Es passt ins Bild.

Hier findet ihr den soeben veröffentlichten Bericht: http://seekingalpha.com/pr/16648862-stericycle-inc-reports-results-third-quarter-year-date-2016

letztes Quartal:

  • Umsatzwachstum +23,9% (0,7% organisch; 25,7% durch Akquisitionen; 2,5% negative Währungseffekte)
  • Nettogewinn minus 6,8%

letzte 9 Monate:

  • Umsatzwachstum +26,6% (2,6% organisch; 26,9% durch Akquisitionen; 3% negative Währungseffekte)
  • Nettogewinn +0,8%

Der Anteil des „Goodwill“ an der Bilanzsumme scheint mir mit 51% sehr hoch zu sein, aber das liegt am Geschäftsmodell (Wachstum durch Übernahmen).

Organisches Wachstum ist kaum vorhanden.

Die Differenz zwischen der Entwicklung von Umsatz und Gewinn ist gruselig.

Dividenden werden nicht gezahlt. Ein Aktienrückkaufprogramm gibt es derzeit ebenfalls nicht. Das Management scheint nicht zu wissen, wohin mit dem Geld, und kauft unrentable Unternehmen, anstatt die eigenen Aktionäre zu beglücken.

Die EBT-Marge (Vorsteuergewinn geteilt durch Umsatz) sank von 22,3% in 2013 auf jetzt 12,7%. Bei der Gesamtkapitalrendite wurde ein Rückgang von 8,4% in 2013 auf jetzt 4,2% verzeichnet. Ein Trauerspiel. (Quelle)

Sinkende Profitabilität ohne Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bedeutet für mich, dass das Management seit Jahren schlechte Entscheidungen trifft.

Wer verzweifelt nach etwas Positivem in der Rentabilitätsentwicklung sucht, könnte sagen: Nimmt man den Goodwill aus der Bilanz heraus, halbiert sich die Bilanzsumme und damit verdoppelt sich die Gesamtkapitalrendite.

Wie sieht eigentlich die Bewertung aus? KGV, KUV und KCV sind zwar ebenfalls auf 10-Jahres-Tiefs gesunken, aber das auch völlig zu Recht.

Man hatte einen unfassbar hohen Marktanteil und ein tolles Geschäftsmodell. Doch was hat man im letzten Konjunkturzyklus daraus gemacht?

Interessant für einen (Nach-)Kauf wird Stericycle meiner Meinung nach erst dann wieder, wenn die Führungsspitze durch die richtigen Leute ersetzt wird.

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5 Gedanken zu „Stericycle – Vom Fels ist nicht mehr viel übrig

  1. Hallo Stefan,

    ich hätte diese Entwicklung auch kaum für möglich gehalten. Selbst in der Finanzkrise gab es nie so schlechte Zahlen. Auffällig ist für mich nur, dass die Zahlen und die Investor Relations keinerlei Priorität bei Stericycle haben. Man liest nichts, es gibt noch nicht mal Lippenbekenntnisse, dass bald etwas anders wird. Das ursprüngliche Geschäftsmodell scheint sich nicht mehr zu lohnen. Besser die Finger von unbekannten und unmotivierten Unternehmen lassen. Bleibst du investiert ? Hast du eine nennenswerte Position hier ?

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    • Hallo Heinz,

      ich bleibe drin. Stericycle ist meine kleinste Position mit nur 2,8% vom Portfolio.

      Heute ist die Aktie stark angestiegen, nachdem der Ausblick für Umsatz, Gewinn pro Aktie und Cash Flow für das Gesamtjahr 2016 vom Unternehmen leicht angehoben wurde:
      http://www.nasdaq.com/article/stericycle-srcl-beats-q3-earnings-offers-2017-outlook-cm700027

      Dazu fallen mir zwei Zitate ein.

      „I can calculate the movement of stars, but not the madness of men.“ (Isaac Newton)

      „Die ganze Börse hängt davon ab, ob es mehr Aktien als Idioten gibt – oder umgekehrt.“ (André Kostolany)

      Der minimal bessere Ausblick rechtfertigt nicht diesen starken Kursanstieg (über 12% in der Spitze). Entweder die Computer haben den Kurs durch Käufe explodieren lassen. Oder aber jemand weiß mehr als wir – bspw. dass die Geschäftsführung abgelöst wird.

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  2. Stericycle beweist, dass auf den Aktionär IMMER auch mal miese Zeiten zukommen. Kein Unternehmen zieht ohne Probleme wie am Schnürchen nach oben. Gerade jetzt – wo es erhebliches Verbesserungspotential gibt – scheint ein Einstieg riskant. Rückblickend wäre es dann wieder genial gewesen. Mit Adidas ist es mir so ergangen.

    Mein Anteil liegt in etwas wie bei Stefan um die 2,5%. Da bleibe ich ganz gelassen und gehe davon aus, dass das Geschäftsmodell auch in zig Jahren noch greift. Wir werden sehen, ob das Management den Hintern hoch bekommt….

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