Von Magdeburg nach South Carolina

Heute habe ich Michael zu Gast, den Betreiber des Blogs nullzinssparer.com, der seit knapp 1,5 Jahren in den USA lebt. Da Michael uns viel zu erzählen hat, geht es ohne lange Einleitung los. Die im Text eingestreuten Bilder stammen alle von ihm.

 

Moin Michael! Es freut mich, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Bitte erzähle meinen Lesern und mir zunächst etwas mehr über dich.

Die Freude ist ganz auf meiner Seite! Ich bin 33 Jahre jung und wie sicher viele deiner Leser bin auch ich ein Privatinvestor. Mein Ziel ist es daher, langfristig Vermögen aufzubauen und finanziell unabhängiger zu werden.

Nachdem ich 2011 mein Studium in Magdeburg abgeschlossen hatte, begann ich meine berufliche Karriere in Regensburg. Dort lebte und arbeite ich insgesamt fünf Jahre. Wie viele Wirtschaftsingenieure zog es auch mich in die Automobilindustrie. In diesen fünf Jahren bin ich beruflich sehr viel in Europa herumgekommen. Als sich dann 2016 die Möglichkeit eines etwas längeren Auslandseinsatzes ergab, musste ich nicht lange nachdenken und habe die Gelegenheit ergriffen.

Das ist der Grund, weshalb ich nun bereits seit knapp eineinhalb Jahren in Greenville, South Carolina lebe. Mein Interesse für die Börse habe ich leider erst mit 28 wirklich entdeckt. Es ist ungefähr die Zeit, in der ich das erste Mal in meinem Leben richtig Geld verdient hatte. Leider stieg mir das etwas zu Kopf und ich war ein ziemliches Konsumopfer in den ersten Jahren meiner Berufstätigkeit. Ich habe wirklich sehr viel Geld für unnütze Dinge aus dem Fenster geworfen und im Schnitt vielleicht 10% meines Einkommens gespart.

Immerhin hatte ich bereits ein Tagesgeldkonto. Zu der Zeit bekam ich sogar noch 2,3% Zinsen auf mein Erspartes. Heute kaum noch vorstellbar. Damals habe ich wirklich wöchentlich etwas auf Amazon bestellt, da ich mich dadurch kurzfristig etwas besser fühlte und der Meinung war, dieses ganze Zeug wirklich zu benötigen. Das positive Gefühl nach einem Kauf ließ aber immer schnell nach.

Als ich 30 geworden bin, hat bei mir ein Sinneswandel eingesetzt und ich begann damit, das ganze Thema Konsum etwas kritischer zu hinterfragen. Als ich dann noch in immer kürzer werdenden Zeitabständen Benachrichtigungen meiner Bank erhielt, dass aufgrund der Nullzinsspolitik die Zinssätze auf mein Tagesgeld nach unten korrigiert werden müssten, bin ich aufgewacht und habe mich etwas näher mit der Politik der Notenbanken, sowie den damit verbundenen Negativfolgen für den Sparer beschäftigt.

Aufgrund meines Studiums war mir der Begriff der Inflation nicht fremd und ich verstand auch wie diese funktioniert. Mir wurde schnell klar, dass mein Vermögen auf dem Tagesgeldkonto jedes Jahr real an Kaufkraft verlieren würde. Die Zinsen waren da schon auf unter einem Prozent zusammengeschrumpft. Ich musste also was machen. Ich begann mit der Recherche und über YouTube und diverse andere Internetseiten wurde ich auf ETFs aufmerksam. Ich besorgte mir auch einige Bücher und begann mich tiefer in dieses Thema einzuarbeiten.

Seit einem Jahr schreibe ich nun auch regelmäßig auf meinem Blog über die Themen finanzielle Bildung und Vermögensaufbau. Seither ist viel passiert und heute liegt meine monatliche Sparquote bei etwa 60%. Meine Einstellung zu Geld und dem privaten Vermögensaufbau hat sich komplett verändert. Früher lebte ich für den Moment und legte keinen Wert aufs Sparen. Heute arbeite ich jeden Tag intensiv daran, nicht bis 72 im Hamsterrad festzustecken, nur um dann mit einer mageren staatlichen Rente über die Runden kommen zu müssen. Es war ein langer Weg bis zu dieser Erkenntnis, aber ich bin froh, dass ich diesen Sinneswandel vollzogen habe.

 

Du hast zur selben Zeit wie ich in Magdeburg studiert. Wann warst du das letzte Mal im Studentenclub „Baracke“?

Das ist eine sehr gute Frage. Wenn ich mich recht erinnere, war das wohl im Dezember 2011. Es ist also schon eine ganze Weile her. Ich mochte diesen Studentenclub aber nie wirklich und meist sind wir nur aus Mangel an Alternativen dort “abgestürzt”. Ich kann mich aber trotzdem an einige lustige und denkwürdige Abende zurückerinnern, die ich definitiv nicht missen möchte.

 

Wie wurdest du aufgenommen und wie gefällt es dir bisher? Ich habe bisher 14 Länder bereist, doch nirgendwo bin ich auf Menschen getroffen, die so freundlich, höflich, warmherzig, tolerant und offen waren wie die US-Amerikaner. Kannst du diesen Eindruck bestätigen?

Definitiv kann ich diesen Eindruck bestätigen. Es ist mir gleich als erstes aufgefallen. Die Menschen hier sind allgemein etwas freundlicher, als ich es gewohnt war. Es wird nicht ständig gemotzt und mir ist jeder bisher immer sehr höflich und zuvorkommend entgegengetreten.

Ich werde natürlich häufig gefragt woher ich komme, da man meinen deutschen Akzent sofort raushört. Der Amerikaner ist wirklich gut in Sachen Smalltalk, man wird dann gerne mal in ein Gespräch verwickelt, unangenehmes Schweigen gibt es nicht. In beruflichen Meetings wird das Eis immer zu Beginn mit Smalltalk gebrochen.

Hier im Süden wird sehr viel über College-Football gesprochen. Der ist hier extrem populär – noch mehr als die Profiliga NFL. Da ich auch in Gegenden unterwegs bin die eher weniger touristisch sind, treffe ich auch auf Menschen, die teilweise noch nie zuvor jemanden aus Europa getroffen haben. Da ist es mir schon öfters im Restaurant zum Beispiel passiert, dass sich fremde Menschen zu mir gesetzt haben und mich neugierig zu allen möglichen Dingen ausgefragt haben. Teilweise musste ich mich an diese offene Art des Umgangs erst etwas gewöhnen, da ich eigentlich eher der Typ von Mensch bin, der fremde Menschen nicht offen anspricht. Ich mag auch keinen inhaltslosen Smalltalk mit Fremden. Aber hier ist das normal und ich empfinde es als sehr freundlich. Man muss sich darauf einlassen können.

 

Donald Trump ist seit einem Jahr Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. In Deutschland konnte sich kaum jemand vorstellen, dass die Wahl zu Ungunsten von Hillary Clinton ausgehen würde. Was glaubst du waren die Gründe für mehr als 62 Millionen US-Amerikaner, Donald Trump ihre Stimme zu geben nach 8 Jahren unter Barack Obama?

Barack Obama war sicher einer der schillerndsten und charismatischen Präsidenten in den USA. Hätte er noch einmal antreten dürfen, hätte er mit Sicherheit wieder gewonnen. Anders als bei uns ist eine Präsidentschaft in den USA aber auf maximal 8 Jahre begrenzt, was ich für Deutschland übrigens auch gutheißen würde.

Warum wurde Donald Trump gewählt? Soweit ich das mitbekommen habe, weitestgehend deshalb, weil seine Konkurrentin Hillary Clinton von vielen Amerikanern als das noch größere Übel wahrgenommen wurde und nicht über ausreichend Vertrauen in weiten Teilen der Gesellschaft verfügt hat. Mit den Ursachen dieser Wahlentscheidung der Amerikaner können sicher ganze Bücher gefüllt werden und Generationen an Historikern werden sich daran noch abarbeiten.

Das Versprechen von Donald Trump, die Interessen der Amerikaner wieder in den Mittelpunkt der Politik in Washington zu stellen, kam sicher gut an. Auch die Tatsache, dass er kein klassischer Politiker ist. Er hält sich nicht an bestehende Konventionen und an eine politisch korrekte Ausdrucksweise. Die angekündigten Investition in die Infrastruktur, bessere internationale Handelsabkommen und eine Steuerreform, die bei den Menschen ankommt und Unternehmen dazu verleitet, geparkte Gewinne im Ausland in die USA zurückzuholen, sind sicher weitere Gründe.

Ich glaube nach 8 Jahren unter der demokratischen Regierung war es einfach wieder einmal Zeit für einen politischen Umschwung zu Gunsten der Republikaner. Man muss aber auch dazu sagen, dass dieses Land in so ziemlich jeder politischen Frage tief gespalten ist. Der konservative Süden, in dem ich lebe, ist sehr stark der den Republikanern zugeneigt. Kalifornien oder weite Teile der Ostküste sind überwiegend der demokratischen Partei zugeneigt. Dieses Land ist extrem groß und vielfältig. Das Bild der USA, wie wir es aus Hollywood kennen, trifft vielleicht auf 10% des Landes zu. Der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt aber nicht in New York, Washington oder Los Angeles. Die Mehrheit der Menschen lebt in den ländlichen Regionen und die haben daher auch andere politische Interessen als Menschen in den Großstädten.

Blicken wir auf Deutschland, sehen wir übrigens etwas Ähnliches. Das politische Spektrum in Berlin, Hamburg oder dem Ruhrpott ist ganz sicher nicht annähernd vergleichbar mit dem der ländlichen Regionen im Süden Deutschlands. Auch bei uns nehme ich eine immer stärker werdende Spaltung der Gesellschaft wahr. Die dritte Neuauflage der GroKo gestaltet die ehemaligen Volksparteien SPD und CDU zu einem Einheitsbrei um, der nicht mehr wirklich voneinander unterscheidbar ist. Zusätzlich werden die Extreme am linken und rechten Parteienspektrum immer stärker. Diese Entwicklung sollte auch uns zu denken geben.

 

Wie hast du das erste Jahr von Trumps Präsidentschaft wahrgenommen?

 Die ersten Monate dieser unorthodoxen Präsidentschaft waren wohl gelinde gesagt mehr als holprig. Es hat ein gutes Jahr gedauert, bis diese neue Regierung wirklich im Regierungsgeschehen angekommen war. In der Anfangszeit gab es ein ganz schönes Hin und Her im Trump-Team. Was bis heute noch immer im Raum steht und worüber auch immer noch beinah täglich berichtet wird, ist die Untersuchung, ob und wie weit die Russen die Wahl 2016 eventuell beeinflusst haben könnten und inwiefern das Trump-Team in Kontakt mit russischen Abgesandten stand. Allerdings gibt es auch nach über einem Jahr anhaltender Untersuchungen noch keinerlei Beweise dafür, dass eine Beeinflussung wirklich stattgefunden hat.

Darüber hinaus gab es mehrere gescheiterte Versuche der Regierung, den “Affordable Care Act” oder auch besser bekannt als “Obama Care” umzugestalten. Dabei handelt es sich um eines der Hauptwahlversprechen von Präsident Trump. Allerdings konnte bis heute keine wirkliche Einigung erzielt werden, da beide Parteien darüber weiterhin uneins sind.

Was man als Privatinvestor allerdings deutlich beobachten konnte, ist die Rallye an den Börsen. Während des Wahlkampfes wurde ja viel darüber gesprochen, dass eine Wahl Trumps zu einem Crash an den Börsen führen würde. Das Gegenteil hat sich aber bewahrheitet. Im ersten Jahr seiner Präsidentschaft legte die Börse eine Rally von über 25% hin. Ein Großteil liegt in der wirtschaftsfreundlicheren Politik, die von dieser Administration nun verfolgt wird. Regulierungen wurden extrem verringert, Handelsabkommen sollen neu und zugunsten der USA ausgehandelt werden und natürlich auch die große Steuerreform, ein weiteres wesentliches Wahlversprechen, befeuert den Boom und schafft insgesamt wirtschaftsfreundlichere Rahmenbedingungen.

Es ist jetzt aber auch nicht so, als hätte sich alles komplett verändert, nur weil ein Präsident Trump im Weißen Haus sitzt. In meinem Leben hat sich jetzt nicht unbedingt irgendwas spürbar durch diese Wahl verändert. Der Präsident ist ja auch kein einsamer Entscheidungsträger, der alles nach Belieben verändern kann. Die USA sind ein demokratisches Land und auch hier müssen Mehrheiten organisiert werden, die auch parteiübergreifend konsensfähig sind. Die Welt ist auch noch nicht untergegangen und auch wenn es viele überraschen mag, wir sind, zumindest bisher, auch nicht im Krieg mit Nordkorea. Hoffen wir, dass es auch in den nächsten Jahren so bleibt.

Präsident Trump ist aber weiterhin auch in den USA in weiten Teilen der Gesellschaft höchst umstritten und nicht gerade ein Sympathieträger. Letztendlich wird es wohl aber auf die Politik und deren Erfolg ankommen und daran wird er dann auch im historischen Kontext gemessen werden müssen.

Zusammengefasst würde ich dieses Jahr jedenfalls nicht als die Vollkatastrophe bezeichnen, die viele politische Gegner prognostiziert oder herbeigeschrieben haben. Es wurden ja doch einige sinnvolle Dinge umgesetzt. Allerdings gibt es aber durchaus auch noch mehr als genug Verbesserungspotenziale für die nächsten drei bis sieben Jahre. Am Ende entscheidet das amerikanische Volk ob es weitere 4 Jahre Trump will oder nicht. Ich versuche das möglichst neutral zu sehen.

 

Hast du eine Meinung zur Steuerreform, die von Donald Trump initiiert und die kürzlich beschlossen wurde?

Ich persönlich sehe vor allem erstmal die positiven Seiten dieser Steuerreform. Die Unternehmenssteuern waren in den USA auf einem Rekordhoch im internationalen Vergleich. Das hat dazu geführt, dass Unternehmen wie Apple und Co. mehrere Billionen US-Dollar im Ausland geparkt haben, um diese hohen Steuerzahlungen zu vermeiden. Apple allein hat aktuell über 250 Milliarden US-Dollar im Ausland geparkt. Es bedeutet aber auch, dass dieses Geld in den USA nicht für weitere Investitionen dieser Unternehmen zur Verfügung steht.

Mit der Verringerung der Unternehmenssteuer von 35% auf 21% werden nun Anreize dafür geschaffen, diese Auslandsgewinne zurück in die USA zu holen. Apple hat zum Beispiel angekündigt, in den nächsten 5 Jahren 20.000 neue Jobs in den USA zu schaffen und über 350 Milliarden in die US-Wirtschaft zu investieren. Viele andere Unternehmen haben ähnliche Pläne geäußert.

Die Steuerreform hat auch dazu geführt, dass viele deutsche Unternehmen, die in den USA tätig sind, Sondergewinne erwirtschaften werden. Die Steuerreform kommt als in Teilen auch deutschen Arbeitnehmern zu Gute. Darüber hinaus umfasst die Reform auch Steuererleichterungen für den überwiegenden Teil der Gesellschaft und nicht nur für die oberen 10%.

Darüber hinaus haben viele US-Unternehmen Lohnerhöhungen und Bonuszahlungen für ihre Angestellten angekündigt. Wal-Mart wird den Stundenlohn um zwei Dollar je Stunde erhöhen und AT&T zum Beispiel zahlt seinen Mitarbeitern einen Bonus von 1.000 US-Dollar. Die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie nie zuvor und die US-Wirtschaft brummt. Aber natürlich wird sich auch hier erst zeigen müssen, wie nachhaltig diese positiven Entwicklungen sein werden. Die Stimmung in der Wirtschaft ist jedenfalls so gut wie sehr lange nicht mehr. Wenn es den Unternehmen gut geht, dann profitieren auch deren Angestellte und somit die Gesellschaft als Ganzes.

 

>> Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews. <<

 

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3 Gedanken zu „Von Magdeburg nach South Carolina

  1. hallo Stefan und Michael,

    schöner Beitrag, hab auch gleich mal Michael’s homepage aufgerufen (wer wird denn auf Teil 2 warten wollen *lach*),
    kann allen jungen Menschen nur einen Auslandsaufenthalt empfehlen, das sind unbezahlbare Erfahrungen und man zehrt ein Leben lang davon, kann aber sein dass man dann gar nicht mehr in die Heimat zurück möchte, so wie es mir ergangen ist.

    liebe Grüsse
    Annabella

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