Ich warte auf das 2. Marshmallow

In den Sechziger Jahren führte Walter Mischel ein Experiment durch, das als „Marshmallow-Test“ Bekanntheit erlangte.

Vierjährigen Kindern wurde ein Marshmallow vorgesetzt und sie wurden vor die Wahl gestellt, es entweder sofort zu essen oder zusätzlich ein zweites zu bekommen, wenn sie einige Minuten warten würden, ohne das erste Marshmallow zu essen.

Hier seht ihr eine spätere Durchführung dieses Experiments.

Viele Kinder konnten nicht warten.

Der Versuch beschreibt ein Phänomen, das ich tagtäglich beobachte. Hinter jeder Ecke lauert eine Gelegenheit, Geld auszugeben (Marshmallow Nummer Eins). Die meisten Menschen sind nicht willensstark genug, um heute teilweise auf Konsum zu verzichten und etwas Geld fürs Alter zurückzulegen.

Sie verhalten sich nicht anders als vierjährige Kinder. Alles muss sofort konsumiert werden. Sie geben Geld aus, das sie nicht haben, für Dinge die sie nicht brauchen, um Menschen zu beeindrucken die sie nicht mögen.

Die wenigsten sind diszipliniert genug, um auf die Belohnung für das Sparen und Investieren in Aktien zu warten (Marshmallow Nummer Zwei).

Mit dem Aufruf zum Sparen macht man sich keine Freunde. Und so schweige ich häufig, wenn ich mit ansehe, wie viele meiner Mitmenschen ihr Geld verprassen und sich gleichzeitig über ihr geringes Vermögen und ihre hohen Schulden beklagen.

Meine Großeltern haben mich bei Geldgeschenken oft gefragt, was ich damit anstellen möchte. „Sparen“ war häufig meine Antwort. Ich glaube, den meisten Omas zaubert man damit kein Lächeln ins Gesicht.

Mein Vater scheint mich in meinem Denken stark geprägt zu haben. Noch heute sind mir Sätze in Erinnerung wie

  • Mach das Licht aus, wenn du den Raum verlässt.
  • Tür zu, hier wird geheizt.
  • Lass die Kühlschranktür nicht so lange auf.
  • Nicht die Fenster anklappen, sondern stoßlüften.
  • Ein Drittel des Wassers hätte auch gereicht zum abwaschen.

Heute bin ich froh darüber.

Wichtig ist, nicht nur bis übermorgen zu denken, sondern sich langfristige Ziele zu setzen. Wollt ihr, bis ihr 67 Jahre alt seid, 40 Stunden pro Woche arbeiten und anschließend 35% eures letzten Gehalts als Rente bekommen?

Ich werde, wenn ich 50 bin, mit Sicherheit keine 40 Stunden pro Woche mehr im Büro sitzen. Ich gehöre zu denen, die das erste Marshmallow liegen lassen.

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5 Gedanken zu „Ich warte auf das 2. Marshmallow

  1. Ich geb dir bei dem Thema aktuell recht. In mein Umfeld ist grade das Thema Autos wieder aktuell gewesen. 25k für ein Auto. Nun ja.

    Ich sehe das wie du. Lieber etwas warten. Obwohl ich mir dann doch vorher schon ein kleines Stück vom Marshmallow abschneide. Ein bisschen Spaß muss schon jetzt sein. Aber der größte Teil wird für den zweiten Marshmallow aufgehoben.

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  2. Ich halte es auch wie Mafis: Ein Teil des Marshmallows jetzt, den Rest später. In meiner Familie gibt es die Auto oder kein Auto?-Diskussion häufiger. Aber letzten Endes vertröste ich alle auf später: Ich werde mal ein Auto haben, aber eben nicht jetzt. Da ich nie gelernt habe, richtig einzuparken hätte ich an meiner eng zugeparkten Straße eh ein Problem. 😉

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  3. Das Problem des zweiten Marshmallows ist, dass er zunächst nur irgendwo am Horizont furchtbar klein zu sehen ist – wenn man gute Augen hat 😉 . Erst wenn man bei der Geldanlage eine Zeit lang gespart und investiert hat, merkt man so richtig, dass da etwas zu wachsen beginnt. Die ersten Jahre sind ja mehr durch die eigene Sparleistung geprägt als durch Wertzuwächse (Zinsen, Kurssteigerungen, Dividenen) aus dem angelegten Geld. Gerade in dieser Phase ist es halt wichtig, auf die Zukunft zu vertrauen in der Gewissheit, dass der Marshmallow näher kommt und damit auch größer wird. Wer vier- oder gar fünfstellige Vermögenszuwächse im Jahr am eigenen Leib erlebt, braucht keine weitere Motivation mehr, um den Marshmallow weiter wachsen zu lassen. Der Anfang ist das Problem.

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  4. Klar – übertreiben sollte man es nicht mit dem Sparwahn. Sparen ist auch nicht gleich sparen.

    Wollte man schon immer mal durch Südamerika reisen und kann es sich leisten, dann sollte man es tun. Und nicht stattdessen ein verlängertes Wochenende in Potsdam verbringen, um ein bisschen früher den Ruhestand antreten zu können.

    Auch nicht sparen sollte man bei Investitionen in Bildung. Oder bei einer guten Matratze, auf der man tausende Stunden verbringt.

    Einen Neuwagen werde ich mir hingegen niemals kaufen.

    Die vielen kleinen Entscheidungen spielen auch eine große Rolle, z.B. auf teures Markenwasser zugunsten von Leitungswasser zu verzichten. Allein mit dieser Entscheidung kann man langfristig zehntausende Euro sparen. Vernünftig angelegt wird daraus sogar noch deutlich mehr.

    Ich frage mich gern vor Kaufentscheidungen: Brauche ich das? Macht mich das glücklich? Man könnte sich auch fragen: Wie viele Stunden muss ich dafür arbeiten? Wie viel früher könnte ich den Ruhestand antreten, wenn ich darauf verzichte?

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