Dividenden: Fluch oder Segen in der Ansparphase?

In diesem Monat erhalte ich von 6 Unternehmen Dividenden. Sie belohnen mich dafür, dass ich mich an ihnen beteiligt habe. Die Ausschüttung von Dividenden führt zur Ausschüttung von Dopamin im Körper des Anlegers. Zu Recht?

In letzter Zeit beobachte ich mehr und mehr bloggende Privatanleger, deren Hauptfokus bei der Aktienauswahl auf der aktuellen Dividendenrendite liegt. Ich sehe das äußerst kritisch.

Zunächst muss man unterscheiden zwischen Ansparphase und Verbrauchsphase bei langfristig orientierten Anlegern. In der Ansparphase wird investiert, investiert, investiert. Dividenden werden reinvestiert. Später in der Verbrauchsphase werden Ausschüttungen (ggf. auch Einnahmen aus Aktienverkäufen) für den Konsum verwendet.

Meine Kritik richtig sich allein auf den Fokus der Aktienauswahl in der Ansparphase.

Jeder Anleger sollte sich bewusst machen: Dividenden erhöhen das Vermögen nicht. Sie senken es. Der Kurs fällt in Höhe der Dividende. Auf die Ausschüttung zahlt der Aktionär Steuern. Außerdem fallen Gebühren bei der Reinvestition an und ggf. Kosten zur Wiederbeschaffung zu viel eingezogener ausländischer Quellensteuer (bspw. bei Unternehmen aus der Schweiz). Diese 3 Kostenarten sollte man keineswegs unterschätzen.

Es handelt sich dabei um einen negativen Zinseszinseffekt, der Vermögen vernichtet.

Wäre es da nicht sinnvoller, in Unternehmen mit 8% Kurssteigerung pro Jahr zu investieren, die keine Dividenden ausschütten, anstatt in jene mit 4% Kurssteigerung und 4% Dividendenrendite?

Warum kauft man eine Aktie? Einfach gesagt: Man denkt und hofft, der Wert des Unternehmens wird steigen. Der Wert kann aber nur dann steigen, wenn das Unternehmen seine Ressourcen sinnvoll einsetzt. Für Firmen gibt es tausende Möglichkeiten, Geld sinnvoller zu investieren als für Gewinnausschüttungen an die Aktionäre.

Geld verbrennen
Bekannte Beispiele für Unternehmen ohne Dividendenzahlungen sind Alphabet (Google), Facebook, Amazon und Warren Buffetts Berkshire Hathaway. Auch mein Arbeitgeber ist börsennotiert und schüttet keine Dividende aus, worüber ich froh bin.

Es gibt so vieles, was mir bei der Aktienauswahl wichtiger ist als die Dividendenrendite:

  • Geschäftsmodell
  • Langfristige Aussichten für diesen Markt
  • Stetige Steigerung von Gewinn und Umsatz
  • Markteintrittsbarrieren
  • Marktanteile
  • Regionale Verteilung der Umsätze
  • Besitzverhältnisse (Familienunternehmen? Anteile der Geschäftsführung?)
  • Kundenzufriedenheit
  • Hauptsitz (im Hinblick auf politische Stabilität sowie unternehmensfreundliche Politik)
  • Eigenkapitalquote
  • Umsatzrendite
  • Attraktivität als Arbeitgeber
  • Unabhängigkeit von einzelnen Produkten, Kunden und Lieferanten
  • Höhe des freien Cash Flow
  • Kursentwicklung (langjähriges Mittel, maximaler Verlust)
  • Bewertung (KGV, KUV, KCV)
  • „Leichen-im-Keller-Faktor“ (Banken)

Berücksichtigt man diese Faktoren (und eben nicht die derzeitige Dividendenrendite), so wird der Wert des Portfolios langfristig wie von selbst steigen und mit ihm die Dividenden.

Lese ich die Kaufbegründungen einiger Finanzblogger, dann sträuben sich mir die Nackenhaare.

Versteht mich nicht falsch. Ich halte Dividenden nicht grundsätzlich für etwas Schädliches. Ich denke nur, dass der eine oder andere Dividenden-Sammler seine rosarote Brille absetzen sollte und genauer darüber nachdenken sollte, was er da anrichtet. Ob eine Fokussierung auf Dividendenrendite in der Ansparphase nicht eher nachteilig ist und ob andere Faktoren nicht einen größeren Einfluss auf die Höhe der Dividenden in der Verbrauchsphase haben.

Ich halte Anteile an manchen Unternehmen mit 1-2% Dividendenrendite, bei denen ich eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit sehe, dass die Dividendenrendite auf mein jetzt eingesetztes Kapital bereits in 8-10 Jahren höher liegen wird, als bei manch anderen Unternehmen, die aktuell eine Dividendenrendite von 4-5% aufweisen.

Auch die Moralfrage kann in diesem Zusammenhang gestellt werden. Investiert jemand in einen Tabak- oder Rüstungskonzern, so wird er verbal bespuckt. Für eine Investition in einen Dividendenaristokraten, der in Krisenzeiten lieber hunderte oder gar tausende Mitarbeiter entlässt, anstatt die Dividende zu senken, wird man hingegen gelobt.

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9 Gedanken zu „Dividenden: Fluch oder Segen in der Ansparphase?

  1. Hallo Stefan,
    ist diese Erkenntnis jetzt neu für Dich oder weshalb hast Du bereits einige Dividendentitel in Deinem Depot? Oder bist Du gar nicht mehr in der Ansparphase?

    Gruß,
    Marko

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    • Hi Marko,

      du hast Recht. Ich habe einige schöne Dividendenzahler in meinem Depot.

      Johnson & Johnson (53 Anhebungen in Folge) und VF Corporation (43) haben Aristokraten-Status.
      Nestlé ist kurz davor, glaube ich.
      Church & Dwight zahlt seit 459 Quartalen ununterbrochen eine Dividende. Wahnsinn!
      Skyworks hat die Dividende zuletzt um 100% erhöht, Tyson Foods um 50%, Amgen 27%, Cancom 25%, VF Corp 16%, Continental 15%, Jungheinrich 14% usw.

      Das ist natürlich ein Traum für Dividendenjäger. Ich habe die Aktien jedoch nicht danach ausgewählt, sondern nach den oben aufgeführten Kriterien. Würde keines der 12 Unternehmen eine Dividende zahlen, so würde mein Depot genauso aussehen.

      Grüße, Stefan

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      • Hallo Stefan,
        das hört sich alles schlüssig und überzeugend an, Du hast scheinbar wirkliche sehr gute Auswahlkriterien, weiter so! Einige dieser Werte habe ich auch bereits in meinem Depot.

        Weiterhin ein gutes Händchen bei den Investment-Entscheidungen.
        Gruß,
        Marko

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  2. Schön, dass das Thema mal jemand anspricht. Gerade bei Dividendenrenditen von über 8% sollten wohl eher die Alarmglocken klingeln. Wer nur auf die (hohen) Ausschüttungen schaut, legt sich dann das ein oder andere faule Ei in den Korb.

    Auch wenn mir Unternehmen in meinem Portfolio mit relativ hoher Dividende Freude bereiten (BASF, J&J, Munich Re), ich den Zufluß „genieße“ und die Summen dankbar reinvestiere, so halte ich Alphabet, Amazon, Berkshire oder Stericycle doch gerade wegen der Wachstumsaussichten. Für die von dir oben vorzüglich aufgelisteten positiven Parameter verzichte ich gerne auf eine Dividende.

    Titel mit moderater Ausschüttung, wie Adidas oder Disney runden das Ganze ab, so dass ich mich mit meinem persönlichen Mix sehr wohl fühle. Dividende hin oder her.

    Kompliment im übrigen für deinen Blog. Vor kurzem erst entdeckt, jetzt wühle ich mich durch die Artikel. Ich sehe schon, du gehst wesentlich strenger und auch konsequenter vor als ich, dennoch kann ich mich bei deinem Stil wiedererkennen. Etwas mehr Fokus auf die besten Unternehmen täte mir gut, aber man lernt ja nie aus….

    Danke auch für die Jungheinrich-Analyse – beim nächsten starken Rücksetzer kommen die mir ins Depot.

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    • Hi Sebastian,

      danke für das Lob.
      Deine Auswahl gefällt mir. Stericycle kannte ich noch nicht. Muss ich mir mal ansehen.

      Ja stimmt, ich bin da ziemlich streng. Bei Disney war ich kurz vorm Kauf. Da stimmt so ziemlich alles. Dann dachte ich mir: Einen hohen Umsatzanteil generieren die Einnahmen von den Kinofilmen. Werden die Leute weiterhin in die Kinos stürmen oder verlagert sich das mehr und mehr aufs Heimkino (Streaming)?

      Ähnlich lief es zuletzt bei MasterCard. Auf den ersten Blick eine fantastische Investition. Dann fragte ich mich, ob Smartphones die Plastikkarten bald ablösen könnten. Ich finde fast immer ein Haar in der Suppe.

      Grüße, Stefan

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  3. Hey,
    ich muss zugeben ich finde die Sache mit den extremen Dividenden auch sehr fraglich. Daher finde ich deine Auswahlkriterium deutlich angenehmer.

    Alle wollen immer gern hohen Dividenden. Aber persönlich denke ich ein Unternehmen sollte vieles davon lieber sinnvoll Investieren. Der Rest kann dann ausgeschüttet werden. Nicht andersrum. Was bringt mir das Dividendenstärkste Unternehmen, wenn es nicht investiert und in 5 Jahren vom Markt ist.

    Gruß,
    mafis

    Gefällt 1 Person

  4. Hallo Stefan,

    schöner Blog und diesen Beitrag muss ich einfach mal besonders loben, das Thema Dividenden denken viele Investoren leider nicht zuende!

    Ich persönlich mag zwar Unternehmen, die schon lange Dividenden zahlen, allerdings gebe ich dir völlig recht: Es ist nicht so, dass eine hohe Dividende ein gutes Unternehmen ausmacht, sondern andersrum: Nur ein gutes Unternehmen mit einem guten Geschäftsmodell etc.schafft es überhaupt, Jahr für Jahr die Gewinne und Umsätze zu steigern und hat damit die Grundlage, die Dividende kontinuierlich zu steigern. Ich nehme die Dividendenhistorie gerne als Anhaltspunkt, schaue mir dann aber viele andere Aspekte der Firma an.

    Ich habe mich dazu auch schon ausgelassen nachdem eine Arbeitskollegin mal mit dem Spruch „Dividenden sind die neuen Zinsen“ kam: http://konservative-aktien.com/sind-dividenden-die-neuen-zinsen/

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      • Hallo Stefan,

        danke für den Hinweis auf Olivers Seite und die Dividenden-Diskussion dort!

        Mein Blog soll hauptsächlich einen Überblick über grundsätzliche Fragen geben (damit ich nicht immer alles wiederholen muss wenn meine Freunde fragen „wie man mit Aktien schnell reich wird“ oder beim Wort „Aktie“ panik bekommen „weil man damit ja nur Geld verliert“ 😉 ), ab und an gibt es aber sicher auch mal einen neuen Artikel und ansonsten verweise ich gerne auf gute Blogs und habe dich daher gerne in meine Linkliste aufgenommen.

        Gruß
        Jonas

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