Grenzgänge

Heute schreibe ich euch an einem verregneten Abend aus meinem Hotelzimmer in der Nähe von Salzburg.

27 Tage verbrachte ich seit 2019 im deutsch-österreichischen Grenzgebiet. Nach meinen Erfahrungen der letzten Tage werde ich den restlichen Urlaub keinen Fuß mehr nach Deutschland setzen. Warum – das erfahrt ihr heute. Spätestens am Dienstag veröffentliche ich dann noch einen richtigen Reisebericht.

Thema: Freundlichkeit

Wenn ich in Österreich unterwegs anderen Wanderern begegne, dann schaut man sich im Vorbeigehen in die Augen, lächelt und grüßt sich. An Aussichtspunkten führt das häufig zu einem Schwätzchen.

Doch bereits ein paar Kilometer hinter der Grenze, wenn man von einem Parkplatz voller Autos mit deutschen Kennzeichen losmarschiert, das genaue Gegenteil: Niemand schaut einen im Vorbeigehen an. Niemand grüßt. Die Leute ziehen eine Fresse wie sieben Tage Regenwetter.­ Und ergreift man selbst die Initiative, dann wirkt die Reaktion nicht gerade freundlich.

In der Gastronomie: natürlich ebenso ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Thema: Zahlungsverkehr

Egal wo ich in Österreich an einem Automaten zum Bezahlen stehe (Parkgebühren, Bahntickets etc.) – man hat immer 3 Optionen: Münzen, Scheine, Karte.

In Deutschland, z.B. heute am Königssee: nur Münzen! Und das bei einer Parkgebühr von 7 Euro für 3 Stunden. Wer hat denn bitte 7€ Kleingeld in der Tasche? Ein Witz!

Nachdem ich 3 Leute nach Wechselgeld fragte, wurde mir der Weg zum separaten Wechselautomaten gewiesen. Man hat das Problem also erkannt, jedoch leider völlig falsche Schlüsse gezogen. Lösungen aus einem vergangenen Jahrhundert.

Thema: Verkehr

Wenn bei meinen Ausflügen in den letzten Tagen zwischen Österreich und Deutschland jemand mit dem Auto hinter mir gedrängelt und/oder an den unmöglichsten Stellen überholt hat: 100% deutsche Kennzeichen.

Und die Spritpreise? Natürlich 20-30 Cent günstiger in Österreich.

Thema: Nachrichten

Am heutigen verregneten Abend bin ich kurz bei einem ca. 15-minütigen Format der Abendnachrichten im österreichischen Fernsehen hängen geblieben.

Und was soll ich sagen? So müssen sich die Ostdeutschen zu DDR-Zeiten gefühlt haben, wenn sie heimlich „Westfernsehen“ geguckt haben.

Es wurde in aller Deutlichkeit gezeigt, wie brutal die Polizisten vor einigen Tagen in Berlin gegen (Corona-)Demonstranten vorgingen. Anschließend kamen alle Seiten (z.B. auch die Polizeigewerkschaft) zu Wort.

Kinder wurden gezeigt, wie sie sich im Schulunterricht Corona-Teststäbchen tief in die Nase schieben müssen mit verzerrten Gesichtern.

Es wurde eine von der Regierung in Auftrag gegebene Studie zu Corona-Impfungen/-Fällen zerpflückt, weil dort Zahlen völlig falsch ins Verhältnis gesetzt wurden.

Hinterfragen von Studienergebnissen in Regierungsauftrag? Hab ich im deutschen Fernsehen noch nie gesehen.

Dann: Bei einigen hundert Corona-Demonstranten wurden Geschlecht, Parteipräferenz und Bildungsabschluss überprüft. Das Ergebnis: über 60% Frauen; bunte Mischung durch alle Parteien; Bildungsniveau höher als bei der Gesamtbevölkerung.

Das würde kein deutscher Sender jemals preisgeben! Es passt nicht ins Bild, das dem deutschen Michel vermittelt werden soll.

Großes Thema übrigens heute im österreichischen Radio: die Vorwürfe sexueller Belästigung von 11 (!) Frauen gegen New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo. Darüber würden die deutschen Medien nur berichten, wenn er Republikaner statt Demokrat wäre.

Email von Bernd

Meine Erlebnisse als Grenzgänger in den letzten Tagen erinnerten mich an eine Mail, die mir ein treuer Leser im Jahr 2018 schrieb:

Hallo Stefan,

ich bin seit vielen Jahren loyaler und überzeugter Leser Deines Blogs. Lass dich nicht von den negativen Kommentaren zu Deinen meiner Meinung nach zu 100% zutreffenden Ansichten entmutigen und bleibe weiter politisch, insbesondere Dein Artikel zum „betreuten Denken“ des ÖRR hat mir sehr gut gefallen. Bitte knicke vor den Salonlinken nicht ein – unter dem libertären Deckmäntelchen haben diese ach so verständnisvollen Menschen nämlich schon lange den Kontakt zu denen verloren, die den Wahnsinn hier bezahlen. Wenn das Volk kein Brot hat…

Was mich zu meiner Frage bringt:  Wie hältst Du es in Deutschland, dezidiert in Berlin – was meiner Meinung nach noch ungleich schlimmer ist – noch aus?

Falls es familiäre Bande sind, so habe ich dafür Verständnis. Das waren auch die Gründe, die mich vom Auswandern abhielten. Sollte dem nicht so sein, so solltest du meiner Meinung nach dringend die „Flucht“ ins Kalkül ziehen.

Ich selbst bin Ingenieur, 35, und lebe seit mittlerweile zwei Jahren in der Schweiz. Ich MUSS es Dir empfehlen. Lebensqualität, ein Staat der sich aus meinem Leben raushält und mich doch schützt, tolles Gehalt mit schönem Netto und besonders die Freiheit des Wortes – das sind die Dinge, die es in Deutschland seit Jahren nicht mehr gibt bzw. nie gab.

Mir schlugen die letzten Jahre in Deutschland wirklich sehr aufs Gemüt und ich meine diese Verzweiflung und Ohnmacht, diesen absolut nachvollziehbaren Frust auch teilweise aus Deinen Worten herauslesen zu können. Ich fühlte mich isoliert und beschwert, ohne Hoffnung auf Besserung. Ständig war da die Angst, dass sich der nimmersatte Staat alles holt, was ich mir hier jemals erspart, investiert und erarbeitet habe – Stichwort Aktiendepot zur Altersvorsorge. Darüber reden konnte ich – außer mit meinem Goldstück von Freundin – kaum mit jemandem. Schnitt man das Thema an, dann kam die berühmte rechte Ecke oder komplettes Unverständnis. Ich kam mir vor, als sei ich in einem Zug gefesselt, der mit 200 Sachen auf eine 90-Grad-Kurve zufährt, während meine Landsleute wie von Sinnen weiter Kohle nachschaufeln, statt zu bremsen.

Ich schreibe Dir, weil ich viel von meinem „früheren“ Ich in Deinen Worten zu erkennen glaube und Deinen Ansatz, Deine Ansichten und Deinen Lebensentwurf teile.

Denk darüber nach, ich denke nicht, dass Dein Pessimismus überzogen ist. Um ehrlich zu sein sehe ich erst aus dem Ausland, von außen quasi, wie hoffnungslos verloren Menschen wie Du und ich in Deutschland heute sind.

8 Gedanken zu „Grenzgänge

  1. Hey ich muss sagen Kritik an dem ÖRR und der aktuellen Mainstream-Corona-Politik finde ich ganz richtig. Allerdings finde ich deine Pseudo-statistischen aussagen zum Thema Verkehr und Freundlichkeit in Österreich ein bisschen lachhaft und nicht ernstzunehmend. Nur weil mal ein paar Leute nicht grüßen schlussfolgerst du über die Mentalität eines ganzen Landes. Ich kenne da viele andere Beispiele. VG Anonymus

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    • Servus Stefan,

      Ja in Österreich ist noch nicht so weit wie in Deutschland. Aber wir hinken hier nur hinter her, die Richtung ist leider die selbe. Es gibt immerhin noch ein bedeutendes politisches und Gesellschaftliches Gegengewicht zu den Linken und Grünen.

      Wobei es auf dem Land doch noch ein gewaltiger Unterschied zu Berlin oder Wien ist.
      Mich hat es jedenfalls letztes Jahr zum Auswandern bewegt.

      Welcher Fernsehsender war es denn, kann mir kaum Vorstellen, dass es die öffentlich rechtlichen waren. Aber ein paar soll man noch schauen können.

      Ach ja: Eine sogenannte Totensteuer, auch Erbschaftsteuer genannt, wurde vom Verfassungsgericht in Österreich als verfassungswidrig eingestuft 😍

      Grüsse aus Wien
      Valueer

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  2. Ja da hast dur Recht. Aber leider wird Österreich immer mehr wie Deutschland. Wenn du nach Österreich kommst ist es nur eine Frage der Zeit bis Deutsche Verhältnisse hier herrschen. Im Graz meiner Heimat oder mittlerweile nur mehr mein Wohnort ist dies leider heute schon der Fall. Sobald ich die Möglichkeit (Finanzen) habe flüchte ich nach Norwegen. Da brauch ich mir auch um den Klimawandel nicht so große Sorgen machen. Vor einer Woche hatte ich schon traurige 30 Grad in meiner Wohnung. Trotzdem wurden gestern alle Bäume in meiner Siedlung gefällt weil ein einziger Mieter mehr Sonne will. Dies konnte ich nicht verhindern und auch die Gemeinde unternimmt nichts. Denn mit Freunderlwirtschaft und Vitamin B kann man in Österreich Alles erreichen bzw. sich erlauben. Hoffe ich werde jetzt nicht wegen Volksverhetzung angezeigt.

    MfG aus Graz
    Manuel

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  3. Hallo Stefan, ich kann dir da nicht zustimmen. Ich bin öfters in Bayern beim Wandern unterwegs und hier grüßt so gut wie jeder, wenn man mal von den Haupttourismusrouten absieht. Außerdem war ich vor knapp einem Monat ebenfalls am Königssee und konnte das Parken ganz easy durch Auflegen der Karte bezahlen.

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  4. Pingback: Das wurde woanders geschrieben – Woche 32/2021 › Fuseboroto.info

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