(Lesedauer: 9 Minuten)
Der Wettkampf und die Innovationen von ChatGPT, Claude, Gemini & Co bzw. OpenAI, Anthropic, Google & Co sind das alles beherrschende Thema in der Welt von Technologie und Finanzen.
Die meisten kennen die Geschichte seit dem ChatGPT-Moment im November 2022. Wenige wissen, auf welch spektakuläre und teils kuriose Weise dies alles in den Jahren 2010-2014 seinen Anfang nahm, und wie die Gründer von Google, Facebook, Tesla und PayPal involviert waren.
Beginnen wir mit Demis Hassabis. Der Brite galt als Schach-Wunderkind. Mit 17 Jahren programmierte er das erfolgreiche Computerspiel Theme Park. Später arbeitete er als KI-Programmierer am Spiel Black & White, gründete ein eigenes Spieleentwicklungsstudio und promovierte schließlich in kognitiver Neurowissenschaft.
Sein eigentliches Interesse galt einer fundamentalen Frage: Kann man künstliche Intelligenz erschaffen, die nicht nur einzelne Aufgaben löst, sondern grundsätzlich lernen, denken und Probleme bewältigen kann?
2010 gründete er gemeinsam mit Shane Legg und Mustafa Suleyman das Unternehmen DeepMind in London. Die offizielle Mission lautete sinngemäß: Intelligenz verstehen und rekonstruieren.
Die drei Gründer brachten unterschiedliche Fähigkeiten zusammen:
– Demis Hassabis: Wissenschaftliche Vision, Neurowissenschaft und KI.
– Shane Legg: Machine Learning und mathematische Grundlagen.
– Mustafa Suleyman: Unternehmertum, Geschäftsentwicklung und gesellschaftliche Fragestellungen.
DeepMind wollte sich nicht auf Schachcomputer oder Bilderkennung beschränken. Die langfristige Vision war Artificial General Intelligence (AGI) – eine Maschine, die unterschiedliche Aufgaben und Probleme bewältigen kann, ohne für jede einzelne Aufgabe neu programmiert zu werden.
Das Unternehmen setzte deshalb auf eine Kombination aus Neurowissenschaft, neuronalen Netzwerken und Reinforcement Learning.
Während DeepMind an seiner eigenen Vision arbeitete, ereigneten sich zwei wichtige wissenschaftliche Durchbrüche, die den gesamten KI-Sektor veränderten.
Das Google-„Cat Paper“ – Juni 2012
Ein Google-Forschungsteam um Andrew Ng und Jeff Dean trainierte ein riesiges neuronales Netzwerk mit rund einer Milliarde Verbindungen.
Die Forscher verwendeten etwa zehn Millionen Bilder, die aus dem Internet stammten. Die damalige Medienberichterstattung konzentrierte sich vor allem auf YouTube-Videovorschaubilder.
Das Besondere: Das Netzwerk bekam keine menschlich vergebenen Labels, die ihm erklärten, was eine Katze ist.
Nach drei Tagen Training auf einem Cluster mit 1.000 Rechnern und 16.000 Prozessorkernen war das Netzwerk in der Lage, Katzen, menschliche Gesichter und Körpermerkmale zu erkennen. Die Katze wurde zum Symbol dieses Experiments.
Das wissenschaftliche Paper von Quoc Le, Marc’Aurelio Ranzato, Greg Corrado, Jeff Dean und Andrew Ng demonstrierte eindrucksvoll, dass neuronale Netzwerke selbstständig komplexe Strukturen in riesigen Datenmengen entdecken können.
AlexNet – September/Oktober 2012
Ein weiterer Durchbruch kam von der University of Toronto. Alex Krizhevsky und Ilya Sutskever entwickelten unter der Leitung von Geoffrey Hinton ein neuronales Netzwerk, das die Bilderkennungsforschung revolutionierte.
AlexNet nahm am ImageNet-Wettbewerb 2012 teil. Es sollte aus Millionen Bildern erkennen, welche Objekte darauf abgebildet waren.
Das Ergebnis war spektakulär:
– Fehlerquote AlexNet 15,3%
– Fehlerquote Zweitplatzierter 26,2%
Das war zu einer Zeit, in der man eigentlich um Verbesserungen im Bereich von Zehntel-Prozentpunkten kämpfte.
Entscheidend war auch der Einsatz von GPUs. Die enorme Rechenleistung moderner Grafikkarten ermöglichte es, wesentlich größere neuronale Netzwerke effizient zu trainieren.
Damit war klar: Deep Learning war nicht mehr nur eine akademische Spielerei. Es funktionierte und konnte traditionelle Verfahren deutlich übertreffen.
Google, Facebook, Microsoft, Baidu und andere Unternehmen begannen nun, aggressiv um die besten KI-Forscher zu konkurrieren.
Der PayPal-Mitgründer und Investor Peter Thiel war einer der ersten Menschen im Silicon Valley, die Hassabis‘ Vision ernst nahmen.
Eine besonders interessante Episode ereignete sich 2010.
Hassabis wusste, dass er für seine ambitionierte AGI-Vision einen finanzstarken Investor benötigte. Er wollte unbedingt Peter Thiel gewinnen.
Die beiden hatten zunächst keine persönliche Beziehung. Hassabis wusste allerdings, dass Thiel Schach spielte. Er bereitete sich deshalb gezielt auf eine Begegnung vor und nutzte eine Veranstaltung in Thiels Haus in San Francisco, um ein Schachgespräch zu beginnen.
Der ungewöhnliche Ansatz funktionierte. Thiel war interessiert und bat Hassabis am nächsten Tag um einen richtigen Unternehmens-Pitch. Peter Thiel wurde DeepMinds erster großer Investor.
Damit bekam DeepMind etwas, das für ein kleines Londoner KI-Startup entscheidend war: Zugang zu Kapital, Netzwerken und den besten Forschern.
Über das Netzwerk von Peter Thiel kam Hassabis auch mit Elon Musk in Kontakt. Die beiden trafen sich im Umfeld einer Veranstaltung des Founders Fund. Hassabis besuchte später die SpaceX-Fabrik in Kalifornien.
Beim gemeinsamen Mittagessen in der SpaceX-Kantine unterhielten sich die beiden über ihre jeweiligen Visionen. Musk erklärte, dass er die Menschheit durch die Besiedlung des Mars langfristig vor existenziellen Gefahren schützen wolle.
Hassabis stellte ihm daraufhin eine ungewöhnliche Gegenfrage: Was wäre, wenn eine superintelligente künstliche Intelligenz die Menschheit auf dem Mars genauso gefährden könnte wie auf der Erde?
Musk soll daraufhin eine längere Zeit geschwiegen haben. Er hatte sich bis dahin offenbar nicht in dieser Weise mit dem Thema beschäftigt.
Kurz darauf investierte er Berichten zufolge 5 Millionen US-Dollar in DeepMind. Seine Motivation war nicht nur finanzieller Natur. Er wollte auch näher an der Entwicklung einer Technologie sein, die er zunehmend als potenzielle existenzielle Gefahr betrachtete.
Der entscheidende Kontakt: Larry Page
Musk und Google-Gründer Larry Page waren damals enge Freunde. Sie kannten sich seit Jahren, und Musk übernachtete gelegentlich in Pages Haus.
Musk erzählte Page von DeepMind und dessen ambitioniertem Ziel, AGI zu entwickeln.
Eine besonders interessante Version der Geschichte stammt aus einem Bericht des Guardian aus dem Jahr 2014: Musk und Luke Nosek, Mitgründer von Founders Fund, befanden sich auf Musks Privatjet. Dabei kam das Gespräch auf DeepMind. Nosek kontaktierte anschließend das Londoner Unternehmen und berichtete Hassabis, dass Larry Page Interesse an der Firma zeige.
Hassabis war überrascht. Er hatte nicht erwartet, dass der Mitgründer von Google persönlich Notizen über sein kleines Londoner Startup machen würde.
Wenige Monate später meldete sich Alan Eustace, ein hochrangiger Google-Manager, und arrangierte ein Treffen mit Page.
Damit hatte Elon Musk eine entscheidende Rolle dabei gespielt, DeepMind auf den Radar von Google zu bringen.
Google war zu diesem Zeitpunkt bereits intensiv in der KI-Forschung engagiert. Die Google Brain-Gruppe arbeitete an Deep Learning. Geoffrey Hinton und seine beiden Studenten Alex Krizhevsky und Ilya Sutskever waren inzwischen zu begehrten Mitarbeitern geworden.
Eine weitere spektakuläre Geschichte dieser Zeit: Hinton und seine beiden Studenten organisierten 2013 eine Art Auktion, um den besten Arbeitgeber zu finden. Google, Microsoft und Baidu kämpften um das Forschungsteam.
Die Gebote stiegen laut der New York Times bis auf 44 Millionen US-Dollar. Google bekam schließlich den Zuschlag. DeepMind hatte sich ebenfalls an der Talentauktion beteiligt, zog sich aber zurück, als die Summen immer weiter stiegen.
Dann begannen die Übernahmeverhandlungen für DeepMind.
Nach späteren Recherchen der New York Times liefen bereits Ende 2012 Gespräche zwischen Google, Facebook und DeepMind.
Mark Zuckerberg wollte das Unternehmen ebenfalls übernehmen.
Dabei gab es allerdings einen entscheidenden Unterschied zwischen den Angeboten.
Hassabis und seine Mitgründer bestanden auf zwei wichtigen Bedingungen:
1. DeepMind-Technologie sollte nicht für militärische Zwecke eingesetzt werden.
2. Die Entwicklung von AGI sollte durch ein unabhängiges Gremium aus Technologen und Ethikexperten überwacht werden.
Google war bereit, diese Bedingungen zu akzeptieren.
Zuckerberg bot den DeepMind-Gründern laut der New York Times sogar eine höhere persönliche Auszahlung an. Er wollte jedoch die geforderten ethischen Einschränkungen nicht akzeptieren.
Damit entschied sich DeepMind gegen Facebook und für Google.
Zuckerberg gab das Thema keineswegs auf. Er entschied sich, die KI-Kompetenzen von Facebook selbst massiv auszubauen. 2013 holte er den französischen KI-Pionier Yann LeCun an Bord, der die neue KI-Forschungsorganisation Facebook AI Research (FAIR) leitete.
Facebook begann, Spitzenforscher mit außergewöhnlich hohen Gehältern und Aktienpaketen anzulocken. Der verlorene DeepMind-Deal war somit auch ein wichtiger Impuls für den Aufbau von Facebooks eigener KI-Forschungsorganisation.
2014: Google übernimmt DeepMind
Am 27. Januar 2014 wurde die Übernahme öffentlich bekannt gegeben. Google hatte DeepMind gekauft. Der Kaufpreis wurde offiziell nicht detailliert veröffentlicht. Der Guardian berichtete von rund 400 Millionen Pfund, damals etwa 650 Millionen US-Dollar.
Für ein Unternehmen ohne bedeutende kommerzielle Produkte war das eine gewaltige Summe.
Warum verkaufte Hassabis?
Seine spätere Erklärung ist bemerkenswert offen: Er hatte festgestellt, dass er durch die ständige Suche nach Kapital, Personal und organisatorisches Wachstum nur noch ungefähr zehn Prozent seiner Arbeitszeit tatsächlich mit Forschung verbringen konnte.
Er stand vor einer grundsätzlichen Entscheidung: Wollte er ein Unternehmen aufbauen, das eines Tages die Größe von Google erreichen könnte? Oder wollte er sich darauf konzentrieren, das menschliche Verständnis von Intelligenz nachzubilden?
Er entschied sich für die zweite Option.
Google bot ihm Zugang zu nahezu unbegrenzten finanziellen Ressourcen, Rechenkapazitäten und Forschungstalenten. Zudem überzeugte ihn Larry Page persönlich von seiner Vision. DeepMind sollte in London bleiben und weiterhin weitgehend eigenständig forschen.
Hier bekommt die Geschichte eine weitere, fast schon persönliche Wendung.
Elon Musk war durch seine Investition finanziell am Erfolg beteiligt. Aber mit der Übernahme durch Google hatte er keine Möglichkeit mehr, die Entwicklung von DeepMind zu beeinflussen.
Musk war zunehmend davon überzeugt, dass künstliche Intelligenz eine existenzielle Gefahr für die Menschheit darstellen könnte.
Larry Page sah das wesentlich entspannter.
Die beiden diskutierten intensiv über die Zukunft künstlicher Intelligenz, unter anderem auf Musks Geburtstagsparty 2013 im Napa Valley.
Musk vertrat die Ansicht, dass man die menschliche Spezies vor einer potenziell übermächtigen KI schützen müsse.
Page hielt dagegen, dass eine übermenschlich intelligente Maschine möglicherweise einfach die nächste Entwicklungsstufe der Evolution darstellen könnte.
Page soll Musk in dieser Diskussion sogar als „Speciesist“ bezeichnet haben – also als jemanden, der die eigene Spezies gegenüber anderen bevorzugt.
Musk antwortete sinngemäß, dass er tatsächlich auf der Seite der Menschen stehe.
Die unterschiedlichen Weltanschauungen belasteten die zuvor enge Freundschaft erheblich.
Der Weg zu OpenAI
2015 gründete Musk gemeinsam mit Sam Altman und weiteren Investoren OpenAI.
Ein wesentlicher Hintergrund war die Sorge, dass Google mit DeepMind eine zu große Machtposition bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz aufbauen könnte.
Musk wollte eine alternative Organisation schaffen, die sich ausdrücklich einer sicheren und möglichst breit zugänglichen Entwicklung von KI verschreiben sollte.
Besonders interessant: OpenAI holte später Ilya Sutskever von Google. Er war einer der beiden Doktoranden aus Geoffrey Hintons Team, die zuvor im Zuge der Talentauktion zu Google gewechselt waren.
Damit schloss sich ein Kreis: AlexNet, Google Brain, DeepMind und OpenAI waren personell und strategisch eng miteinander verbunden.
Die bemerkenswerte Erkenntnis: Ein Großteil des heutigen KI-Wettbewerbs lässt sich auf ein relativ kleines Netzwerk aus Forschern, Unternehmern und Investoren zurückführen, die sich bereits vor mehr als 15 Jahren mit der Möglichkeit künstlicher allgemeiner Intelligenz beschäftigten.
ChatGPT von OpenAI, Claude von Anthropic, Gemini von Google, Grok von xAI/SpaceX und Muse von Meta lassen sich letztlich auf diese Ereignisse zwischen 2010 und 2014 zurückführen.