News-Diät

Die Zeitschrift „Schweizer Monat“ veröffentlichte 2011 einen 7-seitigen Text von Rolf Dobelli, den ich erstmals vor drei bis vier Jahren las und der mein Leben veränderte.

Ich lege euch ans Herz, die lange Originalversion zu lesen (hier) oder alternativ die von mir stark verkürzte Version mit den wichtigsten Passagen, die etwa der mittleren Länge meiner Blogbeiträge entspricht:

„Dieser Text ist ein Gegengift gegen News. Er ist lang. Wenn Sie es schaffen, ihn zu Ende zu lesen, können Sie sich glücklich schätzen. Sie gehören noch nicht zu den News-Junkies, die so viel von dem Kurzfutter konsumieren, dass sie ihre Konzentrationsfähigkeit verloren haben. Halten Sie also durch. Entzugstherapien sind immer schwer. Diese ganz besonders.

Wir sind so gut informiert und wissen doch so wenig. Warum? Weil wir vor zweihundert Jahren eine toxische Wissensform namens «News» – Nachrichten aus aller Welt – erfunden haben. Es ist Zeit, dass wir deren schädliche Auswirkungen erkennen und die nötigen Schritte unternehmen, um uns vor ihren Gefahren zu schützen.

In den letzten Jahrzehnten haben wir die Gefahren erkannt, die mit falscher Ernährung einhergehen: Insulinresistenz, Übergewicht, Anfälligkeit für Entzündungen, Müdigkeit. Wir haben unsere Ernährung umgestellt und gelernt, den verführerischen Reizen von Zucker und anderen einfachen Kohlenhydraten zu widerstehen. Heute sind wir in Bezug auf News an dem Punkt, wo wir in Bezug auf Fast Food vor zwanzig Jahren standen. Denn News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist. News sind appetitlich, leicht verdaulich und gleichzeitig höchst schädlich. Die Medien füttern uns mit kleinen Häppchen trivialer Geschichten, mit Leckerbissen, die unseren Hunger nach Wissen nicht wirklich stillen.

Anders als bei Büchern und guten Magazinartikeln stellt sich beim Newskonsum keine Sättigung ein. Wir können unbegrenzte Mengen von Nachrichten verschlingen, sie bleiben billige Zuckerbonbons für den Geist. Die Nebenwirkungen kommen – wie beim Rauchen und bei Fast Food – erst später zum Vorschein. Ich lebe seit zwei Jahren gänzlich ohne News und kann die Wirkungen dieser Freiheit sehen, spüren und aus erster Hand schildern: klareres Denken, wertvollere Einsichten, bessere Entscheidungen und mehr Zeit. […]

Unser zentrales Nervensystem reagiert unverhältnismäßig stark auf sichtbare, skandalöse, aufsehenerregende, schockierende, personenbezogene, laute, plakative, schnell wechselnde, farbige Reize – und unverhältnismäßig schwach auf abstrakte, mehrdeutige, komplexe, aufeinander aufbauende und deutungsbedürftige Informationen. News-Produzenten nutzen diese Wahrnehmungsverzerrung systematisch aus. Die Newsmedien, ob groß oder klein, setzen auf das sofort Sichtbare. Packende Geschichten, schreiende Bilder und aufsehenerregende «Fakten» fesseln unsere Aufmerksamkeit. So funktioniert nun einmal das Geschäftsmodell – die Werbung, die den News-Zirkus finanziert, wird nur verkauft, wenn sie gesehen wird. Die Folge: alles Feinsinnige, Komplexe, Abstrakte und Hintergründige muss systematisch ausgeblendet werden, obwohl diese Inhalte für unser Leben und das Verständnis der Welt relevanter wären.

Nehmen wir folgendes Ereignis: ein Wagen fährt über eine Brücke. Die Brücke bricht zusammen. Worauf richten die Medien ihren Fokus? Auf das Auto. Auf die Person im Auto. Woher sie kam. Wohin sie wollte. Wie sie das Unglück erlebte sofern sie es überlebt hat. Was für eine Art Mensch sie ist oder vor dem Unfall war. Doch all das ist völlig irrelevant. Wirklich relevant ist – die Brücke! Die strukturelle Stabilität der Brücke. Die Frage, ob es noch andere Brücken dieses Konstruktionstyps und -materials gibt und wo diese anderen Brücken stehen. Das ist, was wirklich zählt. Das Auto oder der Fahrer hingegen sind komplett irrelevant. Jedes Auto hätte den Zusammenbruch der Brücke verursachen können. Vielleicht hätte auch starker Wind oder ein über die Brücke streunender Hund genügt, um sie zum Einsturz zu bringen. Warum aber berichten die Medien über das zerknautschte Auto? Weil es wunderbar grässlich aussieht, weil man die Story an einer Person aufhängen kann – und weil sich diese Nachricht billig produzieren lässt. […]

Sie dürften in den letzten zwölf Monaten etwa 10.000 Kurznachrichten verschlungen haben – ca. 30 Meldungen pro Tag. Seien Sie ganz ehrlich: Nennen Sie eine davon, die es Ihnen erlaubt hat, eine bessere Entscheidung (für Ihr Leben, Ihre Karriere, Ihr Geschäft) zu treffen, als wenn Sie diese News nicht gehabt hätten. Niemand, dem ich diese Frage gestellt habe, konnte mehr als 2 Nachrichten angeben – aus 10.000. […]

Sie haben trotzdem Angst, «etwas Wichtiges» zu verpassen? Meine Erfahrung: Wenn etwas wirklich Wichtiges geschieht, erfahren Sie davon, selbst wenn Sie in einem newsgeschützten Kokon leben. Familie, Freunde und Kollegen – also der soziale Filter – werden Ihnen zuverlässiger als alle Newsunternehmen über die relevanten Ereignisse berichten. […] Noch mehr erfahren Sie über wirklich relevante Ereignisse und Veränderungen, indem Sie einschlägige Zeitschriften, lange, fundierte Magazine oder gute Bücher lesen. Und indem Sie mit Menschen reden, die sich intensiv mit dem Thema befassen. […]

Jede beunruhigende Story führt zur Ausschüttung kleiner Mengen des Stresshormons Cortisol. Es gelangt in die Blutbahn, schwächt Ihr Immunsystem und hemmt die Ausschüttung von Wachstumshormonen. Wenn Sie laufend News verdauen, befindet sich Ihr Körper in einem chronischen Stresszustand. Das wiederum führt zu Verdauungs- und Wachstumsstörungen, zu Nervosität und Anfälligkeit für Infektionen. Kurzum, Newskonsumenten setzen ihre physische Gesundheit aufs Spiel. Und nicht nur diese: Andere potentielle Nebenwirkungen sind Angstzustände, Aggressivität, Tunnelblick und emotionale Unempfindlichkeit. […]

Um Konzentration beim Lesen aufzubauen, müssen Sie der Lektüre mindestens zehn Minuten widmen. Steht weniger Zeit zur Verfügung, verarbeitet Ihr Gehirn die Informationen bloß oberflächlich und kann sie nicht speichern. […]

Ich stelle immer wieder fest, dass die meisten Newskonsumenten – selbst wenn sie einst leidenschaftliche Bücherleser waren – nicht mehr die Fähigkeit haben, längere Artikel oder Bücher zu lesen. Nach vier, fünf Seiten werden sie müde, ihre Aufmerksamkeit schwindet und sie werden unruhig. Nicht, weil sie älter wurden oder ihr Zeitplan straffer. Vielmehr hat sich die physische Struktur ihres Hirns verändert. […] Nach meiner Erfahrung braucht das Hirn etwa ein Jahr Newsabstinenz, bis es wieder die Struktur hat, um lange Texte ermüdungsfrei aufzunehmen. […]

Global betrachtet, ist der Verlust an Produktivität immens. Nehmen Sie die Terroranschläge in Mumbai im Jahr 2008. Terroristen töteten in einem Akt kühler Geltungssucht 200 Menschen. Stellen Sie sich vor, dass eine Milliarde Menschen durchschnittlich eine Stunde ihrer Aufmerksamkeit auf die Tragödie in Mumbai verwendeten: Sie haben die News verfolgt und sich das Geplapper irgendwelcher «Experten» und «Kommentatoren» im Fernsehen angeschaut. Eine durchaus realistische Schätzung, denn Indien allein hat mehr als eine Milliarde Einwohner. Viele von ihnen dürften den ganzen Tag damit verbracht haben, das Drama zu verfolgen. Doch rechnen wir konservativ. Eine Milliarde Menschen mal eine Stunde Ablenkung ergibt eine Milliarde Stunden Ablenkung, was mehr als 100.000 Jahren entspricht. Die Lebenserwartung eines Menschen beträgt im globalen Durchschnitt 66 Jahre. Durch Newskonsum wurden also an die 2000 Menschenleben vernichtet. Zehnmal mehr, als durch das Attentat ums Leben kamen. In einem gewissen Sinn sind die Nachrichtenorganisationen so zu unfreiwilligen Erfüllungsgehilfen der Terroristen geworden. Noch extremer verhält es sich mit der verlorenen Zeit, als Michael Jackson starb – kein wirklicher Gehalt in den Nachrichten und Millionen vergeudeter Stunden. […]

Wann immer ich von meiner Newsdiät berichte, kommt unweigerlich der Vorwurf: «Aber Sie nehmen ja gar nicht am Leiden der Ärmsten der Welt teil, an den Kriegsgeschehnissen und Greueltaten.» Meine Antwort: Erstens, muss ich denn das? Vielleicht passieren noch viel größere Greueltaten auf anderen Planeten. Müsste ich an diesen nicht auch «teilnehmen»? Zweitens, «teilnehmen durch Medienkonsum» – gibt es einen größeren Selbstbetrug? Echte Teilnahme ist Handeln. Sich am eigenen Mitgefühl aufgeilen, indem man in der «Tagesschau» haitianischen Erdbebenopfern dabei zuschaut, wie sie aus den Trümmern hervorkriechen, ist einfach nur widerlich. […]

Leben Sie ohne News. Klinken Sie sich aus. Radikal. Erschweren Sie sich selbst den Zugang zu News, so gut es geht. Löschen Sie die News-Apps auf Ihrem iPhone. Verkaufen Sie Ihren Fernseher. Greifen Sie nicht nach Zeitungen und Zeitschriften, die in den Flughäfen und Zügen herumliegen. Lenken Sie Ihren Blick von den Schlagzeilen ab. Löschen Sie alle Newsseiten aus der Lieblingsliste Ihres Browsers. Wählen Sie als Startseite Ihres Browsers kein Newsportal. Entscheiden Sie sich stattdessen für eine Seite, die sich nie ändert; je langweiliger, desto besser. […]

Gehen Sie in die Tiefe statt in die Breite. Befassen Sie sich mit Inhalten, die Sie wirklich interessieren. Lesen Sie mit Freude.

Die erste Woche Ihrer Newsdiät wird die schlimmste sein. Die News nicht abzurufen, erfordert viel Disziplin. Am Anfang werden Sie sich ausgeschlossen oder sogar sozial isoliert fühlen. Sie werden jeden Tag versucht sein, einen Blick auf Ihre liebsten Newsportale im Internet zu werfen. Widerstehen Sie der Versuchung. Halten Sie an Ihrem Plan einer radikalen Newsdiät fest. Leben Sie 30 Tage ohne News. Danach werden Sie ein Gefühl der Gelassenheit und der inneren Ruhe verspüren. Sie werden feststellen, dass Sie viel mehr Zeit haben, konzentrierter sind und die Welt besser verstehen.

Nach einer Weile erkennen Sie, dass Sie trotz Ihrer persönlichen Newsabstinenz weder relevante Fakten verpasst haben noch welche verpassen werden. Wenn eine Information wirklich wichtig für Ihren Beruf, Ihr Unternehmen oder Ihre Familie ist, werden Sie früh genug davon erfahren – von Ihren Freunden, Ihrer Schwiegermutter oder von jemand anderem, mit dem Sie sich unterhalten. […]“

3 Gedanken zu „News-Diät

  1. Pingback: Das wurde woanders geschrieben – Woche 5/2020 – Fuseboroto.info

  2. Was hat das mit Fake News zu tun? Hier geht es um das generieren von News ohne „Nährwert“ und das geschieht doch in den Mainstream Medien rund um die Uhr! Die Frage ist doch ob es mich weiter bringt, wenn ich von jedem umgefallenen Sack Reis in der Welt erfahre und dies auch noch reisserisch aufgemacht wird. Fake News sind wie der Name schon sagt überhaupt keine Nachrichten und bedürfen daher gar keiner Aufmerksamkeit.

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