Ich kaufe den verdammten Heuhaufen

Ich habe mich entschieden, meine Strategie radikal umzustellen.
Viele von euch werden überrascht sein, einige schockiert, doch ich habe mich diesem Schritt über die Jahre immer weiter angenähert.

September 2014:
Ich zeichne Aktien zum Börsengang meines Arbeitgebers und werde Aktionär.
(ETF-Anteil: 0%)

August 2015:
Ich beende eine fünfmonatige Trading-Phase (46 Transaktionen) und beginne langfristig orientiert zu investieren.
(ETF-Anteil: 0%)

Dezember 2015:
Ich lese das Buch „Souverän investieren in Indexfonds und ETFs“ von Gerd Kommer.
(ETF-Anteil: 0%)

Februar 2016:
Ich äußere mich so positiv über ETFs, dass Alexandra von „Sauerkraut und Zaster“ prognostiziert, dass ich in sechs Monaten zum reinen ETF-Anleger werde.
(ETF-Anteil: 0%)

Oktober 2018:
Ich beginne damit, Freunden regelmäßig 90-minütige Anfänger-Trainings zum Vermögensaufbau zu geben, in denen ich am Ende empfehle, mit einem kleinen (25€/Monat) ETF-Sparplan zu starten.
(ETF-Anteil: 0%)

Dezember 2018:
Ich investiere erstmals in einen ETF.
(ETF-Anteil: 10%)

Januar 2019:
Warren Buffett gewinnt seine Wette. Er hatte vor über 10 Jahren gewettet, dass fünf aktiv gemanagte Fonds über 10 Jahre einen einfachen Indexfonds auf den S&P 500 nicht schlagen werden. Hedgefondsmanager Ted Seides nahm die Wette an, wählte fünf Fonds aus, die wiederum in mehr als 100 Hedgefonds investierten. Von 2008 bis 2018 haben alle fünf Fonds schlechter abgeschnitten (0,5% bis 6,5% p.a.) als der S&P 500 (8,5% p.a.). Hunderte Fondsmanager, deren Job es ist, den S&P 500 zu schlagen, sind krachend gescheitert.

Dezember 2019:
Der ETF-Anteil in meinem Portfolio ist inzwischen beträchtlich gestiegen.
(ETF-Anteil: 25%)

Januar 2020:
Mein Blogbeitrag „Engel links, Teufel rechts“ ist ein erster Hilferuf und der Beginn meiner Sinn-Krise.
Ich hole einen zweiten ETF ins Depot.
(ETF-Anteil: 37%)

Februar 2020:
Im Rahmen meiner bislang aufwändigsten Rendite- und Benchmark-Berechnung wird mir klar, dass die Rendite meiner Einzelaktien-Investments hinter meiner Erwartung zurück blieb in den vergangenen 4 ½ Jahren.
Nach reiflicher Überlegung und Konsultation von 8 Finanzbloggern/Finanzbloglesern, die mich seit 4-5 Jahren begleiten, entscheide ich mich, auf eine 100%-ETF-Strategie zu wechseln (einzig mit dem Vanguard S&P 500 ETF, der bereits über 20% meines Portfolios einnimmt).

Ich habe das Vertrauen, in den nächsten 50 Jahren etwas zu schaffen, was ich in den letzten 5 Jahren nicht geschafft habe, völlig verloren.

19% der US-Amerikaner glauben, zu den einkommensstärksten 1% zu gehören laut einer Umfrage von 2007. Vermutlich denken über 80% der Autofahrer, überdurchschnittlich sicher zu fahren. Und ich war mir so sicher, meinen Benchmark in den letzten 5 Jahren geschlagen zu haben. Mit meinem Strategiewechsel haue ich meiner Selbstüberschätzung voll eins in die Fresse.

Ich schätze, dass ich in den letzten fünf Jahren 1.000 bis 1.300 Stunden für meine Einzelaktien-Strategie aufgewendet habe. (Recherche für potentielle Investments; auf dem Laufenden bleiben bei bestehenden Investments; Blogbeiträge zu einzelnen Unternehmen schreiben inkl. Diskussion; persönliche Diskussionen bei Leser-/Bloggertreffen oder unter Kollegen über einzelne Unternehmen und das Für und Wider einer Investition in diese)

1.000 Stunden auf der Suche nach der Nadel im Heuhaufen, anstatt einfach den ganzen Heuhaufen zu kaufen.

Hin und her macht Taschen leer. Das ist keine abgedroschene Stammtisch-Weisheit, sondern eine Tatsache. Es brauchte über 150 Kauf- und Verkaufstransaktionen, bis mir das klar wurde (2015: 60; 2016: 25; 2017: 22; 2018: 21; 2019: 26). Und konsequentes Buy & Hold von Einzelwerten (also unter keinen Umständen zu verkaufen) würde ich niemals durchziehen.

Ich danke Nico, Dummerchen, Albert, Sebastian, Jenny, Michael, Jasper, Holger Grethe, Tim Schäfer, Alexander, Alexandra, Gerd Kommer und Warren Buffett dafür dass sie mir geholfen haben, eine Strategie-Evolution zu durchlaufen. Und ganz besonders danke ich „Dummerchen“ dafür, dass er mich ermutigt hat, regelmäßig meine Rendite zu ermitteln und diese einem fairen Benchmark-Vergleich zu unterziehen.

Auch das Lesen von 6 Biografien (Warren Buffett, Steve Jobs, Elon Musk, Arnold Schwarzenegger, Andre Agassi, Phil Knight) half mir dabei, gute Entscheidungen zu treffen.

Abschließend noch ein Hinweis auf einen Beitrag, auf den ich neulich gestoßen bin. Absolute Pflichtlektüre: „The Math That Explains Why Net Worth Goes Crazy After the First $100k

 

57 Gedanken zu „Ich kaufe den verdammten Heuhaufen

  1. Hi Stefan,

    ich lese seit Jahren gelegentlich deinen Blog und falle gerade fast vom Stuhl das du von Einzelaktien auf ETF geschwungen bist 🙂
    Ich will tatsächlich einen Teil meiner schlecht performenden Einzelaktien in ETF umschichten.

    Was ich bisher nicht hier gefunden hatte ist, wie du steuerlich dabei vorgegangen bist?
    Magst du da etwas zu ergänzen?
    Falls du darüber hinaus einen älteren Beitrag hast, wo du generell deine Steuer Strategie aufzeigst würde ich das sehr gerne lesen.

    Danke und Gruß,
    Jakob

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    • Hi Jakob,

      danke für deine Treue. Schön dass du dich meldest.

      Wenn ich den Entschluss fasse, mich von einem Investment zu trennen, dann mache ich das sofort. Und ich habe eine Verkaufsentscheidung seit dem Ende meiner Trading-Periode im August 2015 nie wieder vom Kurs abhängig gemacht.
      Ich denke das beantwortet alle Fragen zum Thema Steuern.

      Viele Grüße
      Stefan

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      • Hi Stefan,

        danke für die schnelle Antwort.
        Ich sehe es gibt einige neue spannende Blog Einträge, da muss ich wohl wieder öfter vorbei kommen!

        Ich bin wegen der Steuern überrascht, d.h. du nutzt deinen Freibetrag jährlich aus und sonst regulär Abgeltungssteuer + Soli (+ optional Kirchensteuer)?
        Da blutet mir immer das Herz.
        Langfristig macht das beim Zinses-zins einen gewaltigen Unterschied, ob beim reinvestieren das Kapital sich jedes Mal wieder verringert hat, bevor man eine neue Position aufbaut.
        Ich hab von verschiedensten Konstrukten gelesen, mit Vermögens GmbH oder Stiftungen, die zumindest beim Kauf / Verkauf keine Steuern zahlen, sondern erst wenn der Gewinn ausgezahlt wird (finde ich sinnvoll!).
        Daher hatte ich vermutet, dass du etwas ausgeklügeltes gefunden hast.

        Viele Grüße,
        Jakob

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