Neuer Finanz-Porno von FMW

In den Jahren 2014 und 2015 hing ich Finanzmarktwelt und Godmode Trader täglich an den Lippen. Anfang 2016 wurde mir klar: Das ist Finanzpornographie, die für langfristig orientierte Anleger nicht nur nutzlos, sondern auch schädlich ist.

Unter reißerischen Überschriften werden nach Börsenschluss die Kursverläufe irgendwie erklärt. Hauptsache Klicks. Das bringt Umsatz. Panik und Gier werden ausgenutzt und verstärkt.

Nebeneffekt ist, dass die Leser verkaufen wollen was sie im Depot haben – und kaufen wollen was sie nicht im Depot haben. Broker verdienen am Hin und Her und reiben sich die Hände.

Ob die Prognosen von Journalisten-Darstellern wie Markus Fugmann, die vor Jahren getroffen wurden, zutrafen, wird nie überprüft.

Von solchen Seiten habe ich mich die letzten 4 Jahre fern gehalten, doch heute Vormittag schlug mir Google News den gestrigen FMW-Artikel „Apple und der Schneeball-Effekt durch ETFs“ vor. Darin versucht Herr Fugmann seinen Lesern weiszumachen, dass die Aktien großer Unternehmen dadurch stärker als andere steigen, dass die ETFs sie kaufen (müssen), um den jeweiligen Index abzubilden.

Um den S&P 500 abzubilden, muss man logischerweise mehr Apple-Aktien kaufen als solche von Church & Dwight. Der Anteil an der jeweiligen Marktkapitalisierung dieser Unternehmen ist aber derselbe. Der ETF kauft nächsten Monat 0,0001% der Apple-Marktkapitalisierung und 0,0001% der Marktkapitalisierung von Church & Dwight.

Warum der Apple-Kurs dadurch stärker steigen sollte als der von Church & Dwight, soll mir Herr Fugmann einmal erklären. Es ist schlicht Unfug. Entweder versteht Herr Fugmann das nicht (dann hat er seinen Beruf verfehlt) oder er verbreitet bewusst falsche Dinge (das wäre noch schlimmer).

Ich erinnere mich, dass Herr Fugmann vor 4 Jahren (damals sank das Apple-KGV auf 11-12; kurz darauf begann Berkshire in Apple zu investieren) behauptete, Apple würde in wenigen Jahren nicht mehr zu den wertvollsten 10 Unternehmen gehören. Versucht er jetzt mit seiner Schneeball-Theorie, seine absurde Prophezeiung zu rechtfertigen?

Eine weitere Aussage aus dem gestrigen Artikel:
„Seit Ende 2018, als der Aktienkurs von Apple knapp unter 160 Dollar lag, hat sich der Aktienkurs des Unternehmens verdoppelt – und das, obwohl der Umsatz des Konzerns in diesem Zeitraum sogar leicht zurück gegangen sind!“

Ich habe auch eine Rechnung für Sie, Herr Fugmann:
In den letzten 10 Geschäftsjahren (01.10.2009 bis 30.09.2019) stieg der Gewinn je Aktie um 24,8% pro Jahr. Der Aktienkurs stieg um 23,8% pro Jahr. Na schau mal einer an! Liegt hier vielleicht langfristig eine Kausalität vor? 🙂

Unsauber auch die Zahlen hier:
„Die Aktie ist in ETFs, die den globalen Aktienmarkt abbilden (aber gleichwohl stark vom US-Aktienmarkt dominiert sind mit 63% Gewichtung) so hoch gewichtet wie kein anderes Unternehmen“

Falls Herr Fugmann die 23 Industrieländer des MSCI World als „globalen Aktienmarkt“ definiert, dann stimmen die 63%. Als global sehe ich eher den Vanguard FTSE All-World und schon landen wir bei 54,5% US-Anteil. (warum mir das gefällt hatte ich hier erklärt)

Fugmann weiter:
„Man stelle sich einmal vor, die US-Politik würde ernst machen mit der Aufbrechung von Monopol-Strukturen, wie vor allem von den US-Demokraten gefordert. Sollte etwa eine Elisabeth Warren neue US-Präsidentin werden, könnte es daher ein böses Erwachen geben.“

Dazu 3 Punkte:

1) Die Wahrscheinlichkeit, dass Frau Warren oder Herr Sanders die Wahl im November gewinnen, ist ungefähr so hoch wie sie es zuletzt bei Jeremy Corbyn im Vereinigten Königreich war, also nahe Null. Davon abgesehen hat ein US-Präsident allein nicht die Macht, Konzerne zu zerschlagen.

2) Herr Fugmann betreibt hier klassische Finanzpornographie. Vor 4 Jahren orakelte er, eine mögliche Wahl Donald Trumps würde zu einem Mega-Crash an den Aktienmärkten führen. Das Gegenteil war der Fall. Herr Fugmanns Tätigkeit ist vergleichbar mit den Sirenen in der griechischen Mythologie, die vorbeifahrende Fischer mit ihren Gesängen anlockten. Für die Fischer ging das meist nicht so gut aus. Für die Leser von Finanzmarktwelt tut es das vermutlich auch nicht.

3) Selbst wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten würde, dass die Politik z.B. Alphabet zwingt, YouTube und Waymo als eigenständige Unternehmen auszugliedern, wie schlimm wäre das für Alphabet-Aktionäre tatsächlich, die dann Aktien aller drei Unternehmen halten würden?

 

Fazit

Man kann vor den hohen Bewertungen des US-Aktienmarktes warnen. Alles gut. Mache ich ja auch. (Das S&P 500 KGV erreichte gestern ein 10-Jahres-Hoch.)

Aber was Herr Fugmann hier mal wieder geliefert hat, finde ich abstoßend.

Warren Buffett reagiert auf solchen Unfug weitaus poetischer als ich, daher abschließend einige Zitate:

„Der Aktienmarkt ist ein Instrument, um Geld von den Ungeduldigen an die Geduldigen zu transferieren.“

„Spiele werden von denjenigen Spielern gewonnen, die sich auf das Spielfeld konzentrieren – nicht von denen, deren Augen auf der Anzeigetafel kleben.“

„Meine Investment-Philosophie hat sich analog zu der Theorie entwickelt, dass Prophezeiungen oft mehr über die Schwächen des Propheten aussagen als die Zukunft zu enthüllen.“

„Noch heute glauben Charlie und ich, dass kurzfristige Marktprognosen Gift sind und an einem sicheren Ort aufbewahrt werden sollten, fern von Kindern und auch von Erwachsenen, die sich auf dem Markt wie Kinder verhalten.“

„Im 20. Jahrhundert durchlebten die USA zwei Weltkriege und weitere traumatische und teure militärische Konflikte, eine Depression, mehrere Rezessionen, Börsenpaniken, Ölschocks, Virenpandemie und den Rücktritt eines Präsidenten. Dennoch stieg der Dow Jones von 66 auf 11497.“

„Ich weiß nie, was die Märkte machen werden, wenn wir davon sprechen, was in einem Tag oder einer Woche, einem Monat oder einem Jahr passieren wird. Ich hatte nie das Gefühl, das zu wissen und ich hatte auch nie das Gefühl, dass es wichtig wäre. Ich denke aber, dass die Kurse in 10, 20 oder 30 Jahren deutlich höher stehen werden als jetzt.“

„Einige meiner Partner riefen mich an, nachdem der Dow Jones von 995 im Februar auf 865 im Mai gefallen war. Sie vermuteten, dass die Aktien noch deutlich tiefer fallen würden. Das wirft bei mir immer zwei Fragen auf: (1) Wenn sie im Februar wussten, dass der Dow Jones im Mai auf 865 sinken würde, warum haben sie mir das nicht dann mitgeteilt, und (2) Wenn sie im Februar nicht wussten, was in den folgenden drei Monaten passieren würde, wie wollen sie das dann jetzt im Mai wissen?“

6 Gedanken zu „Neuer Finanz-Porno von FMW

  1. Warum der Apple-Kurs dadurch stärker steigen sollte als der von Church & Dwight, soll mir Herr Fugmann einmal erklären

    > Stichwort optimiertes Sampling. Vor allem kleinere Unternehmen werden eben gar nicht gekauft.

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    • Grundsätzlich gebe ich dir Recht, Fugmann ging es aber um die Top-5, die 19% des S&P 500 ausmachen.

      Erstens arbeiten ETFs auf den S&P 500 in der Regel vollreplizierend und nicht mit optimiertem Sampling.

      Zweitens würde sich selbst ein S&P 500 ETF mit optimiertem Sampling nicht nur auf die oberen 19% konzentrieren.

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  2. Hi Stefan,

    Ich kann Dir nur zustimmen. Einen kleinen Fehler habe ich allerdings entdeckt: „heute Vormittag schlug mir Google News den gestrigen FMW-Artikel “
    Die Vorschläge von Google sind auch sehr oft von minderwertigen Content. Am besten fokussierst Du Dich auf eine Zeitschrift oder nur gewisse Webseiten und ignorierst den ganzen Rest. Die Wichtigkeit von Nachrichten werden auch überschätzt. Ich kann Dir in dem Zusammenhang das neuste Buch von Dobelli empfehlen.

    Gefällt 1 Person

  3. Schöner Artikel!
    Man könnte hier jetzt natürlich ins Feld führen, dass es mittlerweile viele ETFs gibt, die nicht nach Marktkapitalisierung gewichtet sind und dass bei einigen Apple und Co übergewichtet werden.

    Doch das sehe ich eher noch als ein Argument, das der derartige finanzpornografische Thesen widerlegt. Die Gewichtungen sind hier eben sehr unterschiedlich und oft werden da auch gerade solche Unternehmen untergewichtet oder sind gar nicht enthalten. Die vielen alternativ gewichteten ETFs sind ähnlich wie aktiv gemanagte Fonds. … und das Vorhandensein von aktiv gemanagten Fonds hat bekanntlich den Finanzmarkt auch nicht wirklich ins Wanken gebracht…

    Gruß, Rolf

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  4. Köstlicher Artikel. 🙂

    Allerdings muss ich an dieser Stelle mal zugeben, dass ich mir den FMW-Kanal auf Youtube manchmal gebe – allerdings nicht zu Informations- sondern lediglich rein zu Unterhaltungszwecken aufgrund der verhaltensauffällig-kauzigen Art des Moderators und seinem Geschwurbel. Er fungiert hin und wieder quasi als mahnendes Beispiel. Die FMW-Kultisten in den Comments sehen das natürlich anders; sachlich-rational vorgetragene Fakten einiger Zuschauer werden zum Teil gleich in persönlichem Kontext angegriffen.

    Unsinn zu verbreiten ist sicher fragwürdig und ich kann deine Abneigung verstehen. Die humorige Betrachtung als lächerlichen Hofnarren (was im Übrigen analog auf diverse andere Autoren/Moderatoren übertragen werden kann), macht die Sache jedoch erträglich und bestenfalls unterhaltsam.

    VG

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