Stefans Börsenblog

Ich bin jetzt in der 6. Klasse

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Meine Entwicklung als Privatanleger, der einen Teil seines Ersparten in Aktien anlegt, erinnert mich an meine Schulzeit.

 

Die Grundschule

Meine vier Jahre an der Bernhard-Becker-Schule in Beendorf waren eine unbeschwerte Zeit. Ich erinnere mich an das Sportfest. Das Indianerfest. Die täglichen Fahrten mit dem Schulbus. Fangen spielen auf dem Schulhof. Mit Sebastian, mit dem ich 2018 (also 26 Jahre nach unserer Einschulung) nach New York fliegen werde.

Ich erinnere mich auch daran, wie viel Spaß mir der Mathematikunterricht machte und dass meine Mathe-Lehrer mich zügeln mussten, Fragen erst dann zu beantworten, wenn meine Mitschüler ausreichend Zeit zum Nachdenken hatten.

Auch weiß ich noch, wie ich – als ich gerade schreiben lernte – zu Hause eine Art Tagebuch führte. Darin war alles genauestens dokumentiert, sogar der Gang zur Toilette. Als meine Oma mir knapp 20 Jahre später dieses Tagebuch zeigte, hatte ich Tränen in den Augen, weil sie es so lange aufbewahrte.

Ich schaukelte, kletterte auf Bäume. Ich war einfach ein kleiner Junge, der in einem 500-Seelen-Dorf aufwuchs.

Mit Mädchen, Politik und Finanzen hatte ich noch nichts am Hut.

Diese Zeit ist vergleichbar mit meinen ersten 28 Jahren als Vermögensaufbauer. Ich gab zwar bereits vor 2014 weniger aus als ich einnahm, machte mir aber keine Gedanken darüber, wie die Differenz verzinst wurde. Es lag halt auf dem Girokonto.

Wenn ich mich recht erinnere, bekam ich als 27-Jähriger 1 bis 1,5 Prozent Zinsen – allerdings auch nur auf die ersten 1.500 Euro. Hinzu kamen bis zu 6,5 Prozent Dividende auf 450-Euro-Genossenschaftsanteile bei der Volksbank, die meine Mutter für mich anlegte, als ich 11, 12 oder 13 war, und die ich heute noch habe.

Mit 27 Jahren hatte ich noch nicht mal ein Tagesgeld- oder Festgeldkonto.

 

Die 5. Klasse

Ich nahm den richtigen Abzweig in die fünfte Klasse, als es darum ging, aufs Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Weferlingen oder auf die 18 Kilometer entfernte Albert-Niemann-Sekundarschule in Erxleben zu wechseln.

Meine besten Freunde entschieden sich für die Sekundarschule. Und die Verantwortlichen der Grundschule schrieben, aufgrund meiner schulischen Leistungen hätten sie mir das Gymnasium empfohlen, doch aufgrund meines Sozialverhaltens (ich war ein kleiner Rowdy) die Sekundarschule.

Nun denn. Der Zettel, auf dem ich eine von zwei Optionen auszuwählen hatte, lag am Sonntagabend auf dem Tisch. Meine Eltern legten mir nachdrücklich das Gymnasium nahe, überließen die Entscheidung aber mir.

Es fiel mir nicht leicht, doch so traf ich als 10-jähriger Bub eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Die fünfte Klasse war ein Sprung ins eiskalte Wasser. Die Lehrer, das Dorf und 90% der Schüler hatte ich nie zuvor gesehen. Auch nahezu alle Fächer waren Neuland. Und wenn ich mich recht erinnere, dann sank meine Durchschnittsnote von der 4. zur 5. Klasse von 1,5 auf 2,4. Zudem verbrachte ich einige Zeit vor der Tür, nachdem ich den Unterricht störte. Das Vorjahr in der vierten Klasse, in der ich eine Urkunde als „Rechenkönig“ der Schule bekam, schien endlos lange her zu sein.

Es war eine Findungsphase.

Ich erinnere mich an Dosenfußball, Cola, NBA-Sammelkarten, Bravo Sport und einen Geografielehrer, der am Ende der Stunde einen Witz erzählte. Der Beste handelte vom Hanghuhn, das am Hang lebte, deshalb ein kurzes und ein langes Bein hatte, und eckige statt runde Eier legte.

Derselbe Lehrer brachte uns nach dem Unterricht Skat und Doppelkopf bei und empfahl uns in unserer Zeit am Gymnasium einige wirklich gute Filme, darunter Club der toten Dichter, Zeit des Erwachens und Der Geist und die Dunkelheit.

Auch wenn man mit dem Investieren anfängt, weiß man in den ersten ein, zwei Jahren nicht so recht, was man da tut. Auf der „Schule“ gibt es niemanden, der noch weniger Erfahrung hat als man selbst. Man zählt zu den Kleinsten und Dümmsten, investiert in Air Berlin und Bitcoin.

Doch auch hier gibt es solche, die wie von einer unsichtbaren Hand geführt werden. Sie scheinen von Anfang an alles richtig zu machen. Ex-Studentin Jenny ist ein solches Beispiel. Oder mein Kollege Thomas.

So oder so – was die Psyche mit uns anstellt, wissen wir nicht vor dem ersten Bärenmarkt, der vielleicht vergleichbar ist mit der ersten Trennung.

 

Die 6. Klasse

Die sechste Klasse. Man hat die ersten Sommerferien mit den neuen Mitschülern hinter sich. Endlich zählt man auf der Schule nicht mehr zu den Jüngsten. Man weiß so langsam, wie der Hase läuft auf der neuen Schule.

Trotzdem trifft man immer wieder auf unerforschtes Gebiet. Mädchen. Neue Fächer. Neue Lehrer. Die Großen, die einen ärgern.

Ich erinnere mich an einen Rabauken, vor dem ich eine Zeit lang wirklich Angst hatte. Er beklaute und bedrohte mich und einen Freund. Der Rüpel war fünf oder sechs Jahre älter. Er war der stärkste Junge auf der Schule.

Mehrfach zwang er alle Gymnasiasten im Ort, dass wir uns zusammen mit ihm hinter der großen, hölzernen Bushaltestelle versteckten. Sein Argument war: „Wenn der Busfahrer niemanden sieht und weiterfährt, dann müssen wir nicht in die Schule“. Dazu müsst ihr wissen: Es war ein kleines Dorf. Wenn man den ersten Bus verpasste, gab es keinen Zweiten.

Und so kam es, wie es kommen musste. Meine Eltern erhielten einen Anruf von der Schule mit der Frage, warum ihr Sohn die letzten zwei Tage nicht in der Schule war.

Mein Dad war „not amused“. Und so versuchte meine Mutter mit mir unter vier Augen in aller Ruhe, die Wahrheit ans Licht zu bringen, was ihr auch gelang.

Mein Vater fing jeden Morgen um 5 Uhr an zu arbeiten. Doch nicht am nächsten Morgen. Wir hatten andere Pläne.

Wenn ich mich recht erinnere, fing die Schule um 7:15 Uhr an und der Bus kam um 6:33 Uhr.

Ich kam gegen 6:15 Uhr an der Bushaltestelle an. An diesem Morgen kam ich nicht allein.

Der Rüpel kam ein paar Minuten später. Zur Begrüßung schleuderte er aus knapp zehn Metern Entfernung seinen Rucksack gegen die Wand der Bushaltestelle. Er verfehlte mich nur knapp.

Fünf Sekunden später hing der Rabauke mit seinem Rücken an der Wand. Viele Worte wurden nicht gewechselt, nur „Wenn du meinen Sohn von heute an nicht in Ruhe lässt …“

Dazu müsst ihr wissen: Die Eltern des Jungen gehörten nicht zu denen, mit denen man vernünftig reden konnte. Außerdem war er schon 17 oder 18.

Nie war ich stolzer auf meinen Papa. Nie wieder hatte ich solche Angst wie in den Wochen zuvor. Auch meine Noten verbesserten sich erheblich.

Seitdem weiß ich: Egal was passiert – ich kann mich immer voll auf meine Eltern verlassen.

Und sonst?

Wenn man in der sechsten Klasse ist, bitten einen die Fünftklässler um Hilfe bei den Hausaufgaben oder bei barbarischen Mitschülern. Die Älteren hingegen denken sich „Lass dir erst mal einen Bart wachsen!“.

In Investorensprache übersetzt: „Erleb‘ du erst mal deinen ersten Bärenmarkt. Dann reden wir.“

Ich glaube, ich bin jetzt in der sechsten Klasse der Warren-Buffett-Schule für Vermögensaufbau.

Tage mit stark sinkenden Kursen sind mir lieber als Tage mit steigenden Kursen. Meine Nachkaufquote der letzten zehn Käufe lag bei 90 Prozent. So langsam weiß ich, was ich will. Kollegen, Freunde und Leser bitten mich in Finanzfragen um Rat.

Und doch liegt noch eine lange Reise zur finanziellen Unabhängigkeit vor mir.

 

„Someone is sitting in the shade today because someone planted a tree a long time ago.“ (Warren Buffett)

 

Und in welcher Klasse bist du?

 

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